Versuch einer friedenspolitischen Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Videospiels „STORM – Frontline Nation“
2012: „Europa steht kurz vor einem unumkehrbaren Kollaps. Die Wirtschaftskrise und die knappen Energieressourcen haben, bis auf wenige Ausnahmen, nahezu alle Nationen in eine dauerhafte Alarmbereitschaft versetzt. Da der Krieg im Nahen Osten nahezu zum Stillstand gekommen ist, wenden sich die Großmächte nun wieder Europa zu.“ Mit dieser brisanten Ausgangssituation beginnt das Ende Juni 2011 erschienene Videospiel „STORM – Frontline Nation“ der schwedischen Colossai Studios. Doch was resultiert aus dem Szenario? Welche politischen Aussagen werden im Spiel getroffen und welche Inhalte vermittelt?
Im Folgenden werde ich mich – mit dem Spielablauf beginnend – näher mit dem Spiel befassen. Inhaltlich stehen dem STORM-Spieler fünf Story-Kampagnen (Deutschland, Vereinigtes Königreich, Frankreich, USA, Russland) zur Verfügung. Ziel ist es, die in der Kampagne formulierten Spielziele und Missionen schnellstmöglich zu erreichen. Auf den Story-Kampagnen liegt das Hauptaugenmerk dieses Texts. Zur Bearbeitung wurden alle fünf Kampagnen durchgespielt – im Text wird allerdings nur die Deutschland-Kampagne vollständig wiedergegeben, da es den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätte alle Kampagnen so ausführlich zu besprechen.
Bei der Rezension der einzelnen Kampagnen werde ich viel aus dem Spiel zitieren. Dass sich Zitate dabei teilweise etwas kryptisch lesen, liegt am (in Teilen schlecht übersetzten) Spiel. Neben den Kampagnen gibt es aber noch weitere Punkte, die für eine politische Rezension des Spielinhalts von “STORM – Frontline Nation” beachtet werden müssen – u.a. die Darstellung ziviler Opfer und natürlich die Vermischung von Fiktion und Realität in dem Spiel. Der vorliegende Text stellt dabei einen Versuch dar, ein Videospiel einmal anders als in Gaming-Zeitschriften zu rezensieren.
Spielaufbau
In dem rundenbasierten Strategiespiel “STORM – Frontline Nation” schlüpft der Spieler in die Rolle des Staatenlenkers. Dabei liegt die Arbeit vor allem im militärischen Bereich – Waffensysteme müssen erforscht, gebaut, stationiert und gegebenfalls gegen den Feind zum Einsatz gebracht werden. Das geografische Europa plus Teile der Türkei sowie Nordafrikas (Nord-Marokko, Nord-Algerien, Tunesien, Nord-Libyen, Nord-West-Ägypten) sind Schauplatz des Geschehens in STORM. Die quadratische Spielkarte reicht von Island im Nord-Westen bis zum russischen Murmansk im Nord-Osten. Die Südlichen Ausmaße reichen vom marokkanischen Rabat bis nach Mersa Matruh in Ägypten. Die einzelnen Länder sind jeweils in mehrere unterschiedlich eingegrenzte Regionen – etwa Nordrhein-Westfalen, Ostfriesland, Bayern, etc. – unterteilt. Die Form der Regionen lehnt sich an die realen Vorbilder an und ist daher nicht einheitlich.

Kommt es zu einer militärischen Auseinandersetzung um eine Region oder Stadt, so kann man diese automatisch lösen lassen (der Computer errechnet hierbei welche Armee der Schlacht stärker war und welche Verluste die beiden Seiten erleiden) oder der Spieler löst das Aufeinandertreffen der Streitkräfte manuell. Dann wechselt das Spiel in den „Taktikmodus“. Dieser Modus ermöglicht es die Schlacht innerhalb einer aus hexagonalen Feldern bestehenden Karte des Konfliktbereichs auszutragen. Die Größe des Schlachtfeldes richtet sich nach der Gesamtanzahl der an der Schlacht beteiligten Einheiten. Die Karte wird zudem nach den Gegebenheiten der Region, um die die Auseinandersetzung geführt wird, erstellt – geht es um eine Alpen-Region ist die Karte etwa mit Bergen durchzogen, Wüsten-Regionen werden meist flach und sandig dargestellt. Im Taktikmodus können von jeder Seite sieben Einheiten in die Schlacht geschickt werden. Am Einheitenlimit ändert sich auch nichts, wenn eine Region auf der Europakarte aus mehreren Richtungen angegriffen wird. Dann darf der Spieler seine Einheiten zwar an mehrere Seiten des Schlachtfelds verteilen, die Höchstzahl der Einheiten bleibt aber bestehen. Nur wenn eine eigene Einheit zerstört wird, darf eine Neue nachrücken.

Klicken zum vergrößern - Schlachten werden im "Taktikmodus" ausgetragen | Quelle: Colossai Studios | Screenshot: Michael Schulze von Glaßer
Um Militärfahrzeuge und Gebäude (dabei stehen nur sechs Gebäude zur Auswahl: Kraftwerk, Garnison, Flughafen, Hafen, Raketensilo, Nukleares-Forschungszentrum) bauen sowie Technologien erforschen zu können bedarf es monetärer Einnahmen, die sich aus Städten und Regionen generieren. Je zufriedener die Bevölkerung (dies wird im Spiel mit „Loyalität“ bemessen) desto höher die in Euro bemessenen Einnahmen. Die „Loyalität“ wiederum ergibt sich aus der vom Spieler geführten Politik: führt er Krieg gegen ein bei seiner Bevölkerung unbeliebtes Land, steigen die Einnahmen. Kriege gegen befreundete Nationen schaden der „Loyalität“ der Anhänger ebenso, wie das Scheitern mancher Spiel-Missionen. Obwohl in STORM Erdöl das Hauptmotiv für die geführten Kriege ist, bleibt es im Spiel unsichtbar und ist (im Gegegnsatz zur Loyalität) eine fiktive Größe. Es ist weder Möglich Erdöl irgendwo abzubauen noch es irgendwo zu lagern – es kommt als Spielfaktor schlicht nicht vor.
Story-Kampagne: Deutschland
Die Aufgabe für Deutschland ist in „STORM – Frontline Nation“ klar definiert: „Herr Bundeskanzler, Deutschland befindet sich in einer ernsthaften Krise. Nach den Kampagnen im Iran fließt nur noch sehr wenig Öl aus dem Mittleren Osten zu uns. Die Menge, die wir aus Russland beziehen bzw. das, was wir aus der Nordsee fördern, deckt bei weitem nicht den Bedarf unseres Landes. Damit ist unsere gesamte Wirtschaft und unsere Gesellschaft bedroht. Die Sicherung neuer Ölvorkommen muss höchste Priorität haben.“ Das erste Ziel deutscher Interessen liegt vor der eigenen Tür: „Die Nordsee – Dieses Territorium ist unsere erste Wahl, da die Nordsee an verschiedenen Stellen über sehr große Ölvorkommen verfügt. Unglücklicherweise haben das Vereinigte Königreich und Norwegen fast alle Gebiete bereits gesichert. Trotzdem könnte die Sicherung der Ölvorkommen am Ende entscheidend sein.“ Ein weiteres Territorium im Interesse Deutschlands liegt im Süden: „Nordafrika – Unser zweiter potentieller Kandidat ist geografisch zwar weiter entfernt, wir haben uns dennoch bislang alle Optionen offengehalten. In einigen Wüstengebieten gibt es tatsächlich noch größere Ölquellen und der Geheimdienst berichtet, dass einige Länder ernsthafte und weitreichende Pläne zur Erkundung dieser Gebiete hegen.“ Konkret wird vom Spieler gefordert die Erforschung militärischer Technologien voranzutreiben und eine „starke deutsche Flotte“ aufzubauen. So müssen zunächst einmal ein neuer Hafen und eine bestimmte Zahl von Schiffen gebaut werden. Im weiteren Verlauf verschärft sich die Rhetorik im Spiel: „Wir müssen einen Weg finden, einen gerechten Anteil an den Ölvorkommen in der Nordsee zu erlangen“, heißt es von unserem Berater. Etwas später wird es ernst: „Norwegen besitzt große Mengen an Öl, von denen sie uns nichts verkaufen wollen. Sie hegen keinerlei Sympathie für uns, daher brauchen wir uns auch nicht freundlich zeigen. Verbessern Sie unsere und verschlechtern Sie Norwegens Stellung.“ Daraus resultieren die Aufgaben den eigenen Status bei den „Alliierten Nationen“ (eine Art „Vereinte Nationen“, die aber nur militärisch agiert und Truppen in schwache Länder entsendet) zu verbessern und ein anderes Land dazu zu bringen einen Krieg mit Norwegen zu beginnen. Beim scheitern letzterer Aufgabe verliert man einen Teil der „Loyalität“ der eigenen Bevölkerung. Wie der Spieler den Krieg anzettelt ist ihm überlassen. STORM bietet aber einige Möglichkeiten: so ist es möglich Bauwerke in einem Land durch Spezialeinheiten zu sabotiere und falsche Beweise, die auf einen anderen Täter (also ein anderes Land) hinweisen, zu hinterlegen. Der simplere Weg geht über die Diplomatie: man bietet einem Land etwa Geld oder Forschungsergebnisse an damit es gegen Norwegen in den Krieg zieht.

Klicken zum vergrößern - Am Rande der eigentlichen Story-Kampagne kommt es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen mit anderen Staaten | Quelle: Colossai Studios | Screenshot: Michael Schulze von Glaßer
Anschließend soll der Spieler mittels eines Spions Deutschland kritisch gegenüberstehende Politiker im russischen Sankt Petersburg und in London töten. Erstmals muss an dieser Stelle auch eine Mission in Afrika absolviert werden: der Spieler soll Mittels Spezialeinheit ein algerisches Ölfeld sabotieren. Dennoch richtet sich der Blick in weiten Teilen der deutschen Story-Kampagne vor allem auf Norwegen: „Wir dürfen unser Schicksal nicht länger in die Hände der ölfördernden Länder legen, während die deutsche Bevölkerung zu Hause leidet. Garantieren Sie uns unseren Anteil an den Ölvorkommen in der Nordsee durch Absperrung strategisch wichtiger Gebiete.“ Die Mission dahinter: man soll die Region Hordalund und die Stadt Bergen im Westen-Norwegens besetzen.
Erst dann richtet sich der Blick mehr Richtung Süden: „Das Öl aus der Nordsee reicht nicht mehr für unsere Bedürfnisse aus. Wir fügen unserer Industrie schweren Schaden zu, sollten wir die Öllieferungen nicht enorm steigern. Wir können nicht länger aufschieben, was unbedingt getan werden muss. Schreiten Sie sofort zur Tat.“ Der Spieler soll Panzer und Infanteristen bauen und Algerien angreifen.
Auch die letzte Story-Mission ist brisant: „An allen Stellen Europas bricht Krieg aus. Wir können nicht länger zusehen, wie aggressive Staaten immer stärker werden. Sichern Sie das Überleben der deutschen Nation mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.“ Was sich zunächst wie eine Verteidigungsmission anhört stellt sich konkret als Angriffskrieg heraus: der Spieler wird aufgefordert 20 neue Region und fünf Städte zu erobern. Welches Land dabei Opfer der deutschen Aggression wird ist dem Spieler überlassen. Wer dieser Aufforderung zum Krieg nachkommt, wird mit dem Abschluss der Kampagne belohnt – eine schlichte Grafik auf der drei Panzer zu sehen sind und darunter der Satz: „Der intensive Krieg, der den Kontinent enorm plagte, hat nun in 2019 Mai ein Ende gefunden.“ Das heißt aber keineswegs, dass damit alle Kriege eingestellt sind – das Spiel kann „open end“ einfach fortgeführt werden.
Story-Kampagne: Vereinigtes Königreich
Zwar hat auch Großbritannien Interesse an Öl, muss aber erst einmal seine lokalen bzw. regionalen Probleme lösen: „Herr Premierminister, das Vereinigte Königreich wird von Massenarbeitslosigkeit und inneren Unruhen geschüttelt. Die Kriege im Mittleren Osten verursachen immer noch Tumulte und Uneinigkeit hier im Land, was wiederum Extremisten Tür und Tor öffnet. Der Ölnachschub aus der Region ist nahezu zum Stillstand gekommen, wodurch die Nordsee derzeit unsere einzige Quelle ist. Sollte auch diese Versorgungslinie auf irgendeine Weise gestört werden, könnte uns das an den Rand eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs und damit gesellschaftlichen Chaos bringen. Auf lange Sicht müssen wir daher auch Nordafrika als potentielle Öllieferanten in Betracht ziehen.“ Die erste Mission: „Verbessern Sie die nationale Situation – Wir müssen die Wirtschaft in unserem Land stabilisieren und Ordnung in der Bevölkerung herstellen. Währenddessen scheint die irische Regierung unfähig zu sein, mit den Terroristen fertig zu werden, die sich auf unserem Gebiet befinden. Deren Aktivitäten haben einen Großteil unserer Infrastruktur erheblich beschädigt. Wir müssen sie daher als ernsthafte Bedrohung für unsere wirtschaftliche Entwicklung ansehen.“ Mittels Spionen sollen die irischen Terroristen – die in dem Spiel nicht näher in Erscheinung treten – geschwächt werden. Auch wenn man die Mission erfolgreich abschließt fordert die Kampagne im weiteren Verlauf die Eskalation der Situation: „Ungeachtet unserer Erfolge bestehen die Probleme in Nordirland auch weiterhin. Wir können diese Provokationen nicht länger hinnehmen. Setzen Sie alle notwendigen militärischen Einheiten ein, um die Extremisten zu entwaffnen und zu neutralisieren.“ Von Nord-Irland aus soll man Irland angreifen.

Klicken zum vergrößern - Mission erledigt: Dublin unter Britischer-Flagge | Quelle: Colossai Studios | Screenshot: Michael Schulze von Glaßer
Ist das getan, richtet sich der Blick nach Nordafrika: „Afrika wird wieder kolonisiert, dieses Mal des Öles wegen. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie sich die anderen Nationen die letzten Ölvorkommen sichern. Es müssen sofort drastische Maßnahmen ergriffen werden.“ Der Spieler wird aufgefordert Tunesien anzugreifen. Ebenfalls pikant: in einer Mission soll der Spieler die höchste Stufe der Nuklearforschung zu erreichen um eine Atombombe und zwei Atom-U-Boote zu bauen. Ein Einsatz der Atombombe wird zwar nicht explizit gefordert aber nahe gelegt.
Story-Kampagne: Frankreich
„Monsieur le Président, Frankreich braucht einen starken Denker und Lenker. Die Wirtschaft und die militärischen Ressourcen sind nach den anstrengenden Missionen in Syrien und im Iran erschöpft. In der Zwischenzeit zeigt sich Europa kraftlos und andere Länder könnten sich als wenig kooperativ und sogar feindlich uns gegenüber zeigen.“ Auch in der französischen Kampagne geht der Blick nach Süden: „Nordafrika – Nordafrika ist schnell in den Mittelpunkt des Interesses aller ölfördernder Länder geraten. Sogar die Vereinigten Staaten zeigen Präsenz in Ägypten und wir können uns ihrer Absichten nicht sicher sein.“ Zudem fühlt sich Frankreich in “STORM – Frontline Nation” von Russland bedroht: „Die nukleare Bedrohung – Im Osten ist Russland zu einem wirtschaftlichen Machtfaktor herangewachsen, der sich auf einen schier unendlichen Vorrat an geologischen Ressourcen stützen kann. Da man sich auch aus dem Krieg im Mittleren Osten heraushielt, befindet sich das Militär in einem hervorragenden Zustand. Wir müssen uns daher auf das Schlimmste gefasst machen.“ Mittels eines Spions solle man Kontakt zu den alten französischen Protektoraten in Nordafrika aufnehmen.
Story-Kampagne: USA
Obwohl das Videospiel im geografischen Europa plus teilen Afrikas spielt, kann der Spieler auch in die Rolle der USA schlüpfen. Diese sind in STORM in der Stadt „Marsuh Matrah“ im Westen Ägyptens angelandet. „Commander, die Kriege im Mittleren Osten haben viele unserer Ressourcen aufgebraucht. Der Großteil unserer offensiven Streitkräfte ist derzeit in der Region gebunden, um sicherzustellen, dass China und der Iran keinen Vormarsch wagen. Trotzdem müssen wir unseren Einfluss und Ruf in Europa wieder stärken und verbessern“, teilt uns unser Berater am Anfang mit.
Erstmal müssen sich die USA aber Raum verschaffen: „Präventivangriff auf Ägypten – Da unsere Verbindung zu Ägypten abgebrochen ist und diese öffentlich syrische Fundamentalisten unterstützen, stellen sie nun eine direkte Bedrohung für unseren Kampf im Mittleren Osten dar. Die Befehle des Zentralkommandos lauten, einen Präventivangriff gegen Ägypten zu starten.“

Klicken zum vergrößern - In der Rolle der USA soll der Spieler zunächst Ägypten erobern | Quelle: Colossai Studios | Screenshot: Michael Schulze von Glaßer
Ist das geschafft soll der Spieler auf dem Balkan aufmarschieren: „Die auflebende Supermacht und der Konflikt im Kosovo – Nachdem der Kosovo im November 2009 von Serbien annektiert wurde, sind alle Verhandlungen im Sande verlaufen. Durch die Unterstützung Serbiens durch Russland ist dieses Problem sehr komplex. Aufgrund des Status‘ eines Energiegiganten schwingt sich Russland wieder zu alter Stärke auf. Wir müssen dies im Hinterkopf behalten und den starken Gegenspieler respektieren, zu dem Russland werden kann, wenn wir unsere Karten nicht klug ausspielen, während wir uns in europäischen Angelegenheiten einmischen.“ Im weiteren Verlauf wird der Spieler aufgefordert chemische Waffen zu erforschen, seine Infanterie- und Panzer-Truppen auszubauen und schließlich 20 Regionen und 5 Städte zu besetzen.
weiter mit Teil 2 des Artikels
Michael Schulze von Glaßer