Archive for the 'Kino' Category

War isn’t what?

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: wer sich für die Darstellung des Militärs in der Öffentlichkeit und vor allem in den Medien interessiert, für den ist der 2009 erschienene Sammelband „War Isn’t Hell, It’s Entertainment – Essays on visual media and the representation of conflict“ ein Pflichtkauf. Herausgegeben wurde dieses herausragende, 283 Seiten starke Buch von den vier Wissenschaftlern Rikke Schubart (Literaturwissenschaftlerin in Dänemark), Fabian Virchow (Professor für Politikwissenschaften an der FH Düsseldorf), Debra White-Stanley (Filmwissenschaftlerin aus den USA) und Tanja Thomas (Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der Universität Lüneburg).

Die fünfzehn im Buch versammelten Aufsätze internationaler Wissenschaftler sind inhaltlich in drei Kategorien gegliedert: im „Part One. The Public War Body“ geht es vor allem um die Darstellung des Militärischen in der Öffentlichkeit, Fabian Virchow zeigt in seinem Beitrag etwa, wie die Bundeswehr mit Sportveranstaltungen um neuen Nachwuchs wirbt. „Part Two. War and Entertainment“ behandelt Filmproduktionen, in denen Militär dargestellt wird. Und der letzte Teil des Buchs „Part Three. Playing at War“ behandelt militärische Videospiele. Dabei ist vor allem der Beitrag „The Political Battlefield of Pro-Arab Video Games on Palestinian Screens“ von Helga Tawil-Souri, die an der Universität von New York Kommunikationswissenschaft lehrt, extrem lesenswert. Denn ein Einblick in arabische First-Person-Shooter ist in westlichen Ländern nicht einfach zu bekommen. Und so sollte sich der am Thema Interessierte überwinden diesen und auch die anderen alle in Englisch geschriebenen Aufsätze zu lesen – wer nun neugierig geworden ist kann einige Buchteile bei Google-Books nachlesen.

Michael Schulze von Glaßer

Übermenschliche US-Soldaten?

Die US-Army wirbt mit dem neuen „X-Men“-Kinofilm um neue Rekruten. Ein neuer Höhepunkt der zweifelhaften US-Rekrutenwerbung.

Lange Jahre hatte die US-Army massive Probleme genügend Rekruten für ihre Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan zu finden. Die Situation änderte sich erst mit der Wirtschaftskrise 2009. 170.000 Freiwillige meldeten sich in ihrer Not auf der Suche nach Arbeit 2008 und 2009 für den Militärdienst – ein Ansturm den es seit gut 35 Jahren nicht mehr gab. Mit dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise wird es wieder schwerer genügend Nachwuchs für die Streitkräfte zu rekrutieren. Die US-Army reagiert darauf mit massiven Werbemaßnahmen.

Bisher wurden Kindern und Jugendlichen in Werbespots der US-Armee ruhmreiche Spaßabenteuer als Soldaten im Auslandseinsatz präsentiert. Nun scheinen die US-Rekrutierer aber jegliche Nähe zur Realität verloren zu haben: die neueste Kampagne der US-Army lehnt sich an den Anfang Juni weltweit in den Kinos angelaufenen Comic-Actionfilm „X-Men: Erste Entscheidung“ an. Der Film handelt von mutierten Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Mutanten haben etwa Selbstheilungs-Fähigkeiten oder besitzen enorme Kräfte. In einem 30-sekündigen Werbespot der US-Armee wechseln sich Szenen aus dem Kinofilm mit denen echter US-Soldaten ab. Der mit Fanfaren-Musik unterlegte Sprechtext dazu: „Helden – einfach Leute die herausfinden, dass sie außergewöhnliche Dinge machen können. Mit einzigartigen Talenten und Stärken. Sie stehen beisammen als eine Elite-Einheit. Es ist mehr als eine Uniform. Es ist die Chance Teil etwas Größerem zu sein, das man sich je hätte vorstellen können.“ Am Ende des Werbespots wird auf die Facebook-Seite der US-Militärwerber verwiesen. Dort findet sich ein exklusiver Hintergrund-Kurzfilm zu „X-Men: Erste Entscheidung“ – daneben natürlich allerlei Informationen über den Dienst in den Streitkräften. Auf der offiziellen „X-Men“-Website zum Film findet sich wiederum ein Link zur goarmy.com-Rekrutierungswebsite der Armee.

Mutantin bei X-Men

Standbild aus dem Werbespot der US-Army: eine Mutantin beim Training | Quelle: US-Army

Die Superhelden-Werbung ist ein neuer zweifelhafter Höhepunkt der US-Army neuen Nachwuchs zu gewinnen. Bereits seit Jahren werben die US-Streitkräfte mit äußerst fragwürdigen Methoden: an über 3.400 Middle- und Highschools gibt es für Schüler etwa ein so genanntes „Junior Reserve Officers Training Corps“ (JROTC). Kinder und Jugendlichen lernen dabei in Uniform nach militärischem Standard zu marschieren und sogar den Umgang mit Waffen. 30 bis 50 Prozent der JROTC-Teilnehmer schreiben sich laut US-Armee anschließend bei den Streitkräften ein. An Colleges und Universitäten gibt es über 2.400 solcher Programme aus denen ein Großteil der späteren Offiziere und Generäle gewonnen wird. 2002 wurden zudem alle Schulen durch das von der Bush-Administration erlassene „No Child left behind“-Gesetz, welches eigentlich die Chancengleichheit im Bildungsbereich sicherstellen sollte, dazu verpflichtet die persönlichen Daten der Schüler an die US-Army weiterzugeben. Die gesammelten Adressen werden genutzt um den jungen Leuten Werbung für den Dienst im Militär zukommen zu lassen.

Soldat beim Training

Einige Sekunden nach der Mutantin ist in dem Werbespot ein US-Soldat beim Training zu sehen | Quelle: US-Army

Neben den Aktivitäten an Schulen tourt die Armee mit „Adventure-Vans“, in denen Wehrdienstberatungen stattfinden, sowie mit „Cinema-Trucks“, in denen Werbefilme gezeigt werden, durch die USA. Herausragend ist der „Virtual Army Experience“-Schießsimulator, den die Armee bei öffentlichen Großveranstaltungen wie Musik-Festivals oder dem „Spring-Break“ aufbaut. In einem großen Zelt können sich die potentiellen Rekruten dabei in reale Militärfahrzeuge setzen und mit Waffennachbildungen auf an Leinwände projizierte, virutelle Gegner schießen. Vor dem Spiel gibt es in einem nachgebauten Kommandostand eine Einsatzbesprechung. Die US-Army soll dabei schon 11-Jährige in den Simulator lassen.

Das kosteneffektivste Rekrutierungswerkzeug ist laut US-Werbern aber das von der Armee entwickelte Videospiel „America’s Army“. Seit 2002 erschienen drei Teile des kostenlosen First-Person-Shooters. Die US-Army verzeichnet mehr als 8 Millionen registrierte User, die in Teams über das Internet gegeneinander antreten. Das Ziel des Spiels ist simpel: die gegnerischen Spieler töten. Dabei sehen sich beide Teams selbst als US-Soldaten, das jeweils andere Team wird als arabische Terroristen oder Aufständische dargestellt, so dass im Endeffekt niemand einen Araber spielt, diese aber für User immer die Feinde darstellen. Auch die Schauplätze in „America’s Army“ ähneln Afghanistan sowie dem Irak und damit dem aktuellen Einsatzgebiet der US-Armee. Bei der Darstellung von Verletzungen und Tod hört der Realismus des Videospiels allerdings auf – mit der Blut wird gespart, ebenso mit Rufen und Todesschreien im Videospiel verwundeter Soldaten.

Screenshot der Go-Army Facebook Seite

Screenshot der "Go Army"-Facebook-Seite | Quelle: US-Army/Facebook

Unterhaltungsmedien sind schon seit langem Träger von Armeewerbung. Der 1986 ausgestrahlte Kinofilm „Top Gun“ war einer der ersten von der US-Army unterstützten Produktionen. Der Militärfilm sorgte für einen Ansturm auf die Pilotenausbildung der Air Force. Heute kommt kaum ein großer Action-Kinohit aus Hollywood ohne die Unterstützung des Militärs aus. Das Pentagon betreibt sogar ein eigenes Büro in dem die Unterstützung von Filmproduktionen geregelt wird – dabei werden natürlich nur Filme unterstützt, die das Militär in gutem Licht erscheinen lassen. Dazu greift die US-Army sogar direkt in die Drehbücher ein.

Die US-Army setzt auf der Suche nach neuem Nachwuchs schon lange zweifelhafte Methoden ein: sie bildet Kinder und Jugendliche paramilitärisch aus, versetzt Spieler mit einem kostenlosen First-Person-Shooter in die Einsatzländer der US-Army und unterstützt nur ihr wohl gesonnene Filmproduktionen. Bisher orientierte sich die Militärwerbung aber zumindest an der Realität. Im neuen „X-Men“-Werbespot legt die US-Army nahe, dass aus dem anziehen der Soldaten-Uniform übermenschliche Superkräfte entspringen. Die Realität sieht freilich anders aus: über 7.000 US-Soldaten sind mittlerweile im Irak und in Afghanistan gefallen, rund 20 Prozent der US-Soldaten werden im Einsatz traumatisiert. Die jungen Leute, die sich von der Superhelden-Werbelüge täuschen lassen werden spätestens im Einsatz fern der Heimat merken, wie verwundbar sie sind. Doch dann ist es für viele meist schon zu spät.

Michael Schulze von Glaßer

Soldaten-Traumata in Filmen – keine Werbung für die Bundeswehr?

Die Fälle posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) bei Bundeswehr-Soldaten nehmen zu –Rund zwei Prozent aller deutschen Bundeswehrsoldaten, die im Jahre 2009 am Auslandseinsatz in Afghanistan im Rahmen der ISAF-Mission teilgenommen haben, kehrten mit PTBS aus dem Einsatz zurück. Die kranken Soldaten sind mittlerweile ein beliebtes Thema in Spielfilmen, die teilweise sogar von der Bundeswehr unterstützt werden. Doch warum hilft die Armee bei Filmprojekten über die Kehrseite des Soldat-seins?

Im Februar 2008 startete der Film „Nacht vor Augen“ in deutschen Kinos. In der Produktion der Firma noirfilm, die vom SWR und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mit mehreren Hunderttausend Euro finanziert wurde, geht es erstmals in einem Spielfilm um einen traumatisierten Afghanistan-Heimkehrer.[1] Pikant bei diesem Film, der nicht von der Bundeswehr unterstütz wurde: das Trauma des deutschen Soldaten stammt von der Erschießung eines achtjährigen afghanischen Jungen, der einen Anschlag auf die Armee-Einheit des Soldaten durchführen wollte. Dafür bekommt der Soldat David Kleinschmidt im Film sogar eine Ehrenmedaille von der Bundeswehr, muss über den Vorfall jedoch Stillschweigen bewahren, da die Erschießung eines Kindes in der Öffentlichkeit natürlich nicht gut ankommen würde. Die posttraumatischen Belastungsstörungen treiben den Heimkehrer jedoch ins gesellschaftliche Abseits. Die Lage eskaliert, als er mit seinem Halbbruder, der noch ein Kind ist, Kriegsspiele im Wald spielt und ihn zu Gewalt anstachelt. Letztlich wird Soldat Kleinschmidt, der sich seine Erkrankung trotz Bettnässens nicht eingestehen will, von der Polizei überwältigt und zur Behandlung in ein Bundeswehr-Krankenhaus eingewiesen.

"Nacht vor Augen"-Film

Ein ehemaliger Soldate zerbricht an seinem Trauma - Standbild aus "Nacth vor Augen" | Quelle: noirfilm

Auch wenn es im Film von Brigitte Maria Bertele als Notwehr dargestellt wird, stellt die Erschießung eines Achtjährigen durch einen Bundeswehr-Soldaten ein Novum im deutschen Film dar. Auch die Vertuschung des Vorfalls lässt die Bundeswehr in schlechtem Licht erscheinen. In der „Darstellung der Bundeswehr ist der Film geradezu diffamierend“, meint Stephan Löwenstein, Rezensent und Verteidigungsexperte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[2] Trotz der Abneigung einiger Bundeswehr-freundlicher Kräfte gegen den „Nacht vor Augen“-Film führte eben diese erstmalige Thematisierung von PTBS im Kino zur Gründung der Internetplattform  „angriff-auf-die-seele“, die sich um traumatisierte Bundeswehr-Soldaten kümmert.[3] Das Medienecho und die politische Bedeutung von „Nacht vor Augen“ reichen aber bei weitem nicht an die eines anderen Films zum Thema heran: den SWR-Spielfilm „Willkommen zuhause“.

Der von der Bundeswehr unterstützte Spielfilm „Willkommen zuhause“ brachte eine so in Deutschland wohl noch nie da gewesene  Kampagne mit sich. Nach mehrmaliger Verschiebung lief der Film am Montag, dem 2. Februar 2009 zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im ARD. Nach dem Film brach eine – vor allem von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen vorangetriebene – Medienflut über den Inhalt des Films los, die letztlich in einen im Bundestag behandelten Antrag mündete. Man wird den Eindruck nicht los, dass es sich dabei um eine lang geplante Inszenierung einer öffentlichen Diskussion handelt. Aber von vorn.

"Willkommen zuhause"-Film

Zurück in Deutschland doch mit den Gedanken noch immer im Einsatz - Standbild aus "Willkommen zuhause" | Quelle: SWR

Vom 12. November bis 17. Dezember 2007 liefen die Dreharbeiten des 86 Minuten lange „Willkommen zuhause“-Films. Das Drehbuch schrieb der Journalist und Regisseur Christian Pfannenschmidt, Regie führte Andreas Senn. Thema des Films ist das Trauma eines jungen Bundeswehr-Soldaten und Afghanistan-Heimkehrers: scheinbar unverletzt landet Soldat Ben Winter in Deutschland und wird von seiner Frau und seinen Eltern am Flughafen empfangen. Statt vier war der deutsche Soldat nur drei Monate in Afghanistan, da er ein Attentat überlebte und danach zurückgeschickt wurde. Ein Kamerad und guter Freund von Soldat Winter wurde bei dem Attentat getötet – nur einem Zufall war es zu verdanken, dass Winters Freund und nicht er selbst aus dem Bundeswehr-Unimog ausgestiegen war. Zurück in Deutschland wird Ben Winter immer unberechenbarer: er verprügelt bei einem Trauma-Anfall einen Freund, ist unfähig über das Geschehene zu reden und isoliert sich – er leidet an einer posttraumatischer Belastungsstörung, die er sicher aber lang nicht eingestehen will. Erst die Begegnung mit einer Nachbarin – mit der er seine schwangere Freundin Tine betrügt – wendet das Blatt. Sie macht ihm klar, dass er Hilfe braucht. Nach einem weiteren Trauma-Anfall sieht Winter dies ein und lässt sich im Bundeswehrkrankenhaus behandeln. Der Militärarzt macht dem Soldaten klar, dass der Tod seines Freundes nicht seine Schuld war. Der Soldat Ben Winter am Ende des Films: „Meine Therapie geht zu Ende, es geht mir besser. Aber ich werde lernen müssen mit meinem Trauma zu leben.“ Die letzten drei Minuten des Spielfilms nehmen Ausschnitte politischer Reden ein: Gerhard Schröder und Joschka Fischer bei der Pressekonferenz zum Marschbefehl der Bundeswehr nach Afghanistan; der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) bei seinem legendären „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“-Satz; Angela Merkel bei den Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. Am Ende des Spielfilms ist wieder alles gut, die kurze Schlussszene zeigt Ben Winter mit seiner hochschwangeren Freundin, er kann endlich über das Geschehene sprechen. In der Pressemappe zum Film heißt es:

 

„‚Willkommen zuhause‘ ist der erste deutsche Fernsehfilm, der sich mit dem zurzeit brennend aktuellen Thema der Folgen von Friedensmissionen der Bundeswehr für die rückkehrenden Soldaten auseinandersetzt. Intensiv und realistisch thematisiert das Drama die Überforderung eines jungen Soldaten, dessen Psyche mit den Erlebnissen im Krisengebiet nicht fertig wird. Und die Überforderung seiner heimatlichen Umgebung, die in ihrer friedlichen Alltäglichkeit nicht damit rechnet, sich mit Kriegsfolgen auseinandersetzen zu müssen. Der Ort Deidesheim [in dem der Film handelt] wird damit zu einem Spiegel der bundesdeutschen Gesellschaft, die Strategien für die Integration von traumatisierten Soldaten entwickeln muss.“

 

Am Tag nach der Ausstrahlung nahm der Deutsche Bundeswehrverband zum Film Stellung:

 

„Der Fernsehfilm ‚Willkommen zuhause‘ am 2. Februar in der ARD hat einem Millionenpublikum ein Problem nähergebracht, das in der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wurde: Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) haben Mediziner die Krankheit der Seele genannt, die zunehmend bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach Auslandseinsätzen auftritt. Um Hilfsangebote weiter zu verbessern, hat der Deutsche BundeswehrVerband bereits vor einem Jahr einen 17 Punkte umfassenden Forderungskatalog vorgelegt.“[4]

 

Der Verband fordert darin die Einrichtung eines Forschungs- und Kompetenzzentrums  zu PTBS, mehr Ärzte sowie eine anonyme Hotline für betroffene Soldaten. Oft würden Soldaten sich die Krankheit nicht eingestehen, da dies vermeintlich als Schwäche angesehen würde.

Andere Medien sprangen auf den Film und die Pressemitteilung des Bundeswehrverbands auf: Obwohl es zu dem Thema eigentlich nichts Neues gab, wurde es in vielen Medien bis hin zur Tagesschau breit besprochen. „Immer mehr Afghanistan-Heimkehrer traumatisiert“, hieß es in der Überschrift eines Artikels auf tagesschau.de am 3. Februar 2009; der Spiegel schrieb am selben Tag: „Zahl deutscher Soldaten mit Trauma steigt dramatisch“ – neue Zahlen gab es zu diesem Zeitpunkt nicht, das Problem war schon lange vorher bekannt.

Bereits im Januar 2009 – also einen Monat vor Ausstrahlung von „Willkommen zuhause“ – hatte sich der Verteidigungsausschuss des Bundestags mit der steigenden Zahl PTBS-Kranker Bundeswehr-Soldaten beschäftigt und – wenig beachtet von der Öffentlichkeit – einen Antrag dazu formuliert. Die Forderungen entsprachen denen des Bundeswehrverbands. Der von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen erarbeitete Antrag wurde am 12. Februar, also 10 Tage nach Filmausstrahlung, vom Bundestag mit der breiten Mehrheit der Antragsteller abgesegnet. Ein Antrag der Linksfraktion, der zwar ebenfalls die bestmögliche Heilung der PTBS-Kranken vorsah, in dem jedoch vorbeugend auch gefordert wurde, die Soldaten erst gar nicht in Auslandseinsätze zu schicken, um sie so der PTBS-Gefahr gar nicht erst auszuliefern, fand keine Mehrheit. Die Zustimmung zum PTBS-Bundestags-Antrag der vier Parteien fand ein breites Echo in den Medien.

"Willkommen zuhause"-Film

PTBS ist nicht heilbar, da hilft es auch nicht sich die Ohren zuzuhalten - Standbild aus "Willkommen zuhause" | Quelle: SWR

Doch was sollte der „Willkommen zuhause“-Film, wenn der Bundestags-Antrag schon vor Filmausstrahlung verfasst und die Absegnung des Bundestags-Antrags vollkommen sicher war? Und warum unterstütze die Bundeswehr den Film über dieses unangenehme Thema mit dem sie sicher keinen neuen Nachwuchs finden wird?

Posttraumatische Belastungsstörungen sind nicht heilbar. Die Krankheit kann vermindert werden, vollkommen verschwinden wird sie nie – dazu sitzen die Erlebnisse bei den Betroffenen zu tief. Neben dem Versuch, die Krankheit zu mildern, bedarf es daher einer toleranten Öffentlichkeit, die Rücksicht auf die Soldaten nimmt. Die Bevölkerung soll darauf vorbereitet werden, dass mit zunehmenden Auslandseinsätzen auch immer mehr Opfer und verwundete Bundeswehr-Soldaten verbunden sind. Die (psychisch) verletzten Soldaten sollen nicht ausgegrenzt, sondern als Helden behandelt werden. Wie es schon in der Pressemappe zum „Willkommen zuhause“-Film heißt, soll sich die „heimatliche Umgebung […] mit Kriegsfolgen auseinandersetzen“. Zudem wird auf den Einsatz in Afghanistan, zumal auf die politischen Hintergründe, nicht genauer eingegangen. Offen bleibt etwa, warum Ben Winter und sein Freund Opfer des Attentats wurden? Der Film wurde fachlich durch Ärzte des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg unterstützt, zudem erteilte die Armee eine Dreherlaubnis auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn (Köln-Wahn).

Neben den Spielfilmen gibt es auch einige Dokumentationen zu PTBS bei Soldaten. Allein 2008 unterstützte das Presse- und Informationszentrum des Bundeswehr-Sanitätsdienstes etwa eine Produktion des Senders ARTE, die auf Sat.1 ausgestrahlte FocusTV-Dokumentation „Wenn der Krieg nicht aufhört“, die Dokumentation „Krieg im Kopf“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg sowie die Produktion „Schreiende Seelen“ des Bayerischer Rundfunks. Die Bundeswehr weiß, warum sie die Filmprojekte unterstützt: verschweigen lassen sich die kranken Soldaten nicht, daher geht sie in die Offensive und wirbt um Verständnis für ihre kranken Helden.

 

[1] Pressemappe zum Film NACHT VOR AUGEN – www.noirfilm.de.
[2] Löwenstein, Stephan: Klappen vor Augen, in: www.faz.net, 25. Juni 2009 – letzter Zugriff am 19. März 2010.
[3] N. N.: Angriff auf die Seele, in: aktuell – Zeitung für die Bundeswehr Nr. 40/2008.
[4] Stolze, Wilfried: Hilfsangebote bei posttraumatischen-Belastungsstörungen (PTBS) müssen angenommen werden – anonyme Hotline gefordert, Pressemittelung des Deutschen Bundeswehrverbands vom 3. Februar 2009.

Michael Schulze von Glaßer

Kritik am Jugendmedienschutz: „Gewaltdarstellung kann unter Umständen sogar friedensfördernd sein“

Videospiele und Filme in denen Gewalt dargestellt wird, bekommen vom deutschen Jugendmedienschutz oft nur eine Altersfreigabe ab 18 Jahren oder werden sogar ganz verboten. Wenig Probleme haben die Jugendschützer hingegen, wenn etwa „James Bond“ mit der Lizenz zum Töten umherzieht und vermeintliche Terroristen und andere Bösewichte steril zur Strecke bringt. Im Gespräch erklärt Buchautor und Friedensaktivist Peter Bürger – dessen Studien über Militianment mittlerweile zu Standardwerken in der deutschen Fachliteratur gehören – warum der aktuelle Jugendmedienschutz für Filme und Videospiele sein Ziel verfehlt und wagt einen Gegenentwurf.


Militainment.info: In ihrem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis der Deutschen Friedensgesellschaft ausgezeichnet Buch „Kino der Angst“ und auch in der 2007 erschienenen Fortsetzung „Bildermaschine für den Krieg“ gehen Sie mit dem deutschen Jugendmedienschutz hart ins Gericht. Welches Problem sehen Sie in den Altersbeschränkungen oder gar Verboten von Videospielen und Filmen?

Peter Bürger: Das massenkulturelle Gewalterbe, das die neoliberalistische Ära unseren Gesellschaften beschert hat, ist ein erschreckendes Erbe. Es hat die Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Spannung und unsere ästhetische Wahrnehmung tiefgreifend geformt. Aus meiner Sicht dienen Kontrollgremien und staatliche Medienverbote auch dazu, immer noch den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren. Ich bin unbedingt für Altersbeschränkungen bei destruktiven Medienprodukten, auch weil sie den mächtigen Produzenten vielleicht doch Profitverluste einbringen. Auch Verbote lehne ich keineswegs prinzipiell ab. Nazipropaganda und Rassismus haben im Kino nichts verloren. Genauso wenig sollte etwa Werbung für den Verzehr von Menschenfleisch ins Fernsehprogramm. Das liberalistische Paradigma kommt aber über den rein formalen Satz „Alles ist erlaubt“ nicht hinaus, und es erlaubt derzeit vor allem Tabubrüche beim Klassenkampf von oben und hinsichtlich der tradierten Auffassungen von Recht. Das demokratische Anliegen einer freiheitlichen Kultur ist aber auf einem ganz anderen Schauplatz zu verfolgen. Hier geht es um ganz andere Fragen: Die real existierende Massenkultur wird von wenigen Medienmonopolen kontrolliert. Wem dienen die dominanten Formate, Inhalte und Weltbilder? Wo kommen Sichtweisen und Interessen zur Sprache, die einer Mehrheit der Menschen auf dem Globus dienlich sind? Welche Chancen haben entsprechende künstlerische Produktionen, überhaupt im maßgeblichen Mediensortiment berücksichtigt zu werden? Bezogen auf die Ansätze von Alterskontrolle und Medienverboten gibt es meiner Meinung nach folgende Problemkreise:

Erstens: Welche Kriterien werden zugrundelegt? Bei den herrschenden Kriterien kann man problemlos einen Kriegspropagandafilm für Kinder ins Sortiment schleusen. Die wirksamste Propaganda ist ohnehin immer subtil, wird also durch vordergründige Gesichtspunkte gar nicht beeinträchtigt. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich im engen Sinne auf psychologische Wirkungshypothesen zur „Mediengewalt“ bezieht oder den in UN-Charta, Verfassung und Völkerrecht manifestierten Zivilisationskonsens einer Ächtung des Krieges zum Ausgangspunkt nimmt. Welche Gesichtspunkte im letzten Fall hinzutreten müssten, zeige ich im Schlusskapitel meiner Studie „Kino der Angst“. Eine dominante Massenkultur, die das Programm „Krieg und Militär“ bewirbt, ist zivilisationsfeindlich.

Zweitens: Schon rein pragmatisch muss man beim isolierten Kontroll- und Verbotsparadigma fragen, ob es denn überhaupt etwas bewirkt. Ich glaube, dass Verbote im Internetzeitalter nur wenig bis gar nicht funktionieren und sogar die Attraktivität der indizierten Titel steigern können.

Drittens: Damit hängt die Alibifunktion des Kontroll- und Verbotsparadigma zusammen. Man suggeriert, es werde ja etwas getan. In Wirklichkeit kommt es aber nicht zu intelligenten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Strategien wider die Militarisierung der Kultur.

Viertens: Schließlich sind die Akteure beim Kontroll- und Verbotsparadigma Einrichtungen der Anbieterseite – also der Produzenten – und des Staates. Sollten wir da allen Ernstes eine Kritik des kriegssubventionierenden Kulturparadigmas erwarten, die ans Eingemachte geht? Welche staatliche Einrichtung ist bezogen auf die Friedensartikel des Grundgesetzes denn noch verfassungstreu? Eine kritische Bundeszentrale für politische Bildung müsste beim Thema Videospiele die Spielaufgaben „geostrategische Kontrolle“ und Ressourcenaneignung problematisieren und zeigen, dass das entsprechende Imperial-Entertainment ein Spiegelbild der neuen westlichen Militärstrategien ist. Da können wir aber lange warten. Ich traue nicht einmal Friedensinstituten, die in erster Linie von staatlicher Förderung abhängig sind, eine wirklich kritische Forschung zur militarisierten Massenkultur zu.

 

Peter Bürger

Der Publizist und Friedensaktivist Peter Bürger sieht den heutigen Jugendmedienschutz kritisch | Quelle: Michael Schulze von Glaßer

 

Auch „blutige“ Videospiele und Filme stellen den Krieg nicht realistisch dar – man will die Spieler und Zuschauer ja nicht traumatisieren. Sollte man das Thema „Krieg“ daher erst gar nicht in Unterhaltungsmedien behandeln?

Bezogen auf einen vordergründigen „Kriegsrealismus“ bietet die Filmindustrie seit Spielbergs „Saving Private Ryan“ (USA 1998) ja einiges. Aber wir wollen Klartext reden: es gibt keinen „realistischen Kriegsfilm“. Realismus, das hieße in unserem Fall, dass den Kinozuschauern zumindest echte Kugeln um die Ohren fliegen. Oder das Popcorn für die Filmvorstellung müsste radioaktiv sein, so dass die Kinobesucher viel später Wirkungen merken – wie die Opfer der von NATO-Ländern eingesetzten Uranmunition. So etwas geht natürlich nicht. Was im Bereich der Unterhaltungsmedien mit Kriegsthematik „Realismus“ genannt wird, das ist eine künstlerische oder handwerkliche Sache. Mit der Wirklichkeit von Krieg hat das nichts zu tun. Dem Konsumenten wird ein attraktives Erlebnis geboten – besonders bei Videospielen ist ein als „realistisch“ erlebtes virtuelles Geschehen zentral. Fast immer firmiert der „realistische Kriegsfilm“ dann als sogenannter Antikriegsfilm, obwohl beim näheren Hinsehen von Kriegskritik keine Rede sein kann. Das Stilmittel „Realismus“ ist in keiner Weise Garant für ein kriegskritisches Paradigma!

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Die unglaubliche Militarisierung der unterhaltungsindustriellen Produktpalette ist Spiegel – und zugleich Instrument – der herrschenden Welt-Kriegsordnung. Mit moralischen Appellen – was „man sollte“ und was nicht – ist diesem massenkulturellen Rüstungssektor nicht beizukommen. Solange die reichen Täterländer Ungerechtigkeit und Elend auf dem Globus zu ihren Gunsten militärisch aufrechterhalten, werden sie eine dementsprechende Kriegskultur fördern. Für den wirklich kriegskritischen Künstler stellt sich aber die Frage, ob er von den tradierten Topoi, Stereotypen, ästhetischen Konzepten etc. in der Darstellung von Militär und Krieg überhaupt noch irgendetwas gebrauchen kann. Das ganze Ausmaß der menschlichen Leiden, die seelischen Zerstörungen durch Kriegsgewalt, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Militarisierung und die ökonomisch-politische Täterschaft im geheimen Zentrum der Kriegsmaschinerie, all das ist mit herkömmlichen Mitteln des Kriegskinos oder in Spielen nicht zu vermitteln. Die Kunst läge vielleicht darin, kriegskritische Veteranenfilme oder Politthriller zu machen, in denen keine Uniformen und Kriegsgeräte, ja überhaupt keine Kriegsbilder auftauchen.

 

Sie kritisieren den heutigen Jugendmedienschutz – haben Sie also ein Gegenmodell?

Wichtiger als der vordergründige Blick auf Mediengewaltdarstellung ist die Kritik der politischen Drehbücher, die in Ästhetik und Inhalten der militarisierten Massenkultur zum Tragen kommen. Gewaltdarstellung in sich ist nicht das Problem, denn sie kann ein wichtiges Moment von sehr menschlichen und kritischen Kunstwerken sein. Plakativ gesagt: Gewaltdarstellung kann unter bestimmten Umständen friedensfördernd sein. Wenn wir das Schlachtfeld der herausquellenden Menschengedärme verlassen, stoßen wir auf die wunderschöne Bildinszenierung von Atombombenpilzen oder auf gut gemachte Science-Fiction-Filme, durch die vorausschauend die Militärtechnologie der Zukunft in den Köpfen verankert wird. Und dann haben wir noch die herzzerreißenden Werbespielfilme für den „humanitären Krieg“. Da steht nirgends im Vorspann, dass die zivilen Hilfsfonds bestenfalls ein Zehntel des Kriegshaushaltes ausmachen und somit schon die nackten Zahlen das Märchen von menschenfreundlichen Militäreinsätzen als Lüge entlarven. Kurzum, die eigentlichen Propagandakomplexe sind mit dem Focus auf „Mediengewalt“ noch gar nicht thematisiert. Ich versuche mal ein Gegenmodell zum heutigen Jugendmedienschutz in sechs Punkten zu erläutern:

Erstens: Zentral wäre für eine wirksame Gegenstrategie zunächst eine wirklich kritische Erforschung der Produktionsbedingungen und Produkte des militärisch-unterhaltungsindustriellen Komplexes. Dies ist aber von einzelnen Publizisten, Medienforschern etc. nicht umfassend zu leisten – und von öffentlichen Instituten oder einer weithin formalistischen „Medienpädagogik“ nicht zu erwarten.

Zweitens: In meinem Gegenentwurf bringe ich auch die Kategorie Verbraucherschutz ins Spiel. Medienangebote, bei denen Kriegsprofiteure, Militärs und staatliche Stellen mitgewirkt haben, müssten die entsprechenden Kooperationen schon auf der Verpackung sichtbar machen. Konsumenten haben nämlich ein Anrecht, ohne langwierige Recherchen zu erfahren, wer ihnen an Spielkonsole, PC oder Fernsehbildschirm ein bestimmtes Angebot „präsentiert“. Die Kooperationen des Militärs werden oft als Gefälligkeit oder neutrale Dienstleistung kaschiert, wir wissen aber, dass es in Wirklichkeit um zivil-militärische Zusammenarbeit im Rüstungssektor „Kultur“ geht. Nach meiner Erfahrung interessieren sich junge Medienkonsumenten sehr für solche Zusammenhänge.

Drittens: Im Gespräch mit modernen Mediennutzern muss die Friedensbewegung unbedingt vermitteln, dass eine Militarisierung der Kultur immer mit einer Militarisierung der Gesellschaft – also mit autoritären und freiheitsfeindlichen Verhältnissen – einhergeht. Auf diese Weise bekommen wir Friedensbewegte Verbündete in solchen Szenen, die durch Medienverbotsforderungen nur abgeschreckt werden.

Viertens: Da die Friedensbewegten als Pazifisten unverbesserlich der Aufklärung verpflichtet bleiben, bleibt die Gegenaufklärung eine Hauptsäule. Im Medienzeitalter kommen wir z.B. nicht umhin, kritische und friedensförderliche Produktionen besser zugänglich zu machen, denn im kommerziellen Gefüge gehen diese Angebote ja regelmäßig unter. Wir bräuchten also ein gut gemachtes Internetangebot, in dem entsprechende Titel systematisch vorgestellt werden und am besten auch leicht abrufbar sind.

Fünftens: 2010 endete – ohne nennenswertes Echo hierzulande – die UN-Dekade „Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt“. Um was für eine Kultur ging es hier? Selbst wenn wir eine kriegskritische und aufklärende Massenkultur hätten, wäre sie noch nicht berührt, denn auch der Komplex „Antikriegsfilm“ definiert sich in seiner Abgrenzung noch vom Militärischen her. Notwendig wären attraktive Bilder der Begegnung, der zärtlichen Annäherung und der Zusammenarbeit von Menschen. Ich spreche hier bewusst von einer erotischen Kultur, denn Eros ist – abseits von platter Sexualisierung – die spürbare Leidenschaft für das Leben. Eros ist spannend, denn er freut sich am Anderen – statt das Fremde gleichzuschalten. Man stellt sich eine Kultur des Friedens meist so langweilig vor wie eine Himmelsvorstellung, in die Erlösten auf Wolken unentwegt Halleluja singen. Sie müsste aber in Wirklichkeit so lebendig, schön und belebend sein, dass jede Kriegsaction neben ihr nur noch ein bloßes Gähnen hervorruft.

Sechstens: Der konventionelle Friedensaktivist ist nicht unbedingt kompetent, künstlerische Beiträge zu einer so verstandenen Kultur des Friedens zu kreieren. Ohne Künstler und andere sogenannte Kulturschaffende sind wir aufgeschmissen. Viel wäre schon gewonnen, wenn Pazifisten bzw. Antimilitaristen zunächst Kultur und Kulturpolitik überhaupt als zentrale Themen begreifen.

 

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass es oft Politiker aus dem konservativen Spektrum sind, die einerseits gegen so genannte „Ballerspiele“ hetzen, aber andererseits Kriegseinsätze des Militärs befürworten. Können Sie dies näher erläutern?

Von Politikern, die – aktiv oder stillschweigend – an der militärischen Aufrechterhaltung der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Elends auf unserem Planeten mitwirken, sollten wir per se keine förderlichen Vorschläge in Sachen Friedenskultur erwarten. Wenn jemand öffentlichkeitswirksam ein Verbot von sogenannten Killerspielen fordert, dann müssen wir ihm Fragen wie diese stellen: „Und wie hältst du es mit den Medienprodukten, in denen ganz unblutig und sauber Militärsimulationen oder Kriegsstrategien durchgespielt werden? Wie hältst du es mit Kulturkampfbeiträgen, die mental zur Akzeptanz von Kriegen gegen ‚islamische Länder‘ mit reichen Energieressourcen beitragen? Was sagst du zu unterhaltsamer Propaganda, die das Bild des Bundeswehrsoldaten wieder mit Ehre, Heldentum, Opferbereitschaft und sonstiger ‚Größe‘ verbindet?“

Ihre Frage bezieht sich wohl auf Buchpassagen, in denen ich von populistischer Gewaltzensur spreche. Populistische Gewaltzensoren aus der konservativen Ecke regen sich darüber auf, wenn zwei Männer auf Leinwand oder Bildschirm zärtlich ihre Genitalien berühren. Kein Problem ist es hingegen für sie, wenn ein soldatischer Scharfschütze im Film einen anderen Mann sauber abschießt – sofern eine jugendfreie Kameraperspektive eingehalten wird. Kein Problem ist für sie auch der niveauvolle Geheimagentenfilm, in dem der angelsächsische Held außerhalb des Gesetzes steht und seine Aufträge auf allen Kontinenten ganz diskret erfüllt. Solche Politiker wollen keine Ego-Shooter, aber mit Unterhaltungsprodukten, die ein positives Militärimage vermitteln, Interesse an moderner Militärtechnik wecken und der westlichen Militärdoktrin zuarbeiten, haben sie keine Probleme.

Die Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist erschreckend. Wir steuern bei uns auf ähnliche Verhältnisse zu. Wenn etwa ein wertkonservatives CSU-Mitglied das als Problem ansieht, sehe ich als Pazifist eine gute Gesprächsgrundlage. Keinen Beifall sollten wir den selektiven Stammtischparolen gegen die „Ballerei an Bildschirmen“ zollen.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Militarismus propagieren, Blutvergießen verheimlichen

Der US-Journalist David Sirota hat einen sehr lesenswerten Artikel über die Medienstrategie des US-Verteidigungsministeriums veröffentlicht:

 

Ein Teil des Pentagons setzt jedes zugängliche Medieninstrument ein – Twitter, Facebook, Werbespots im TV, Filme etc. – um Amerika zu verkünden, dass dem Militär beizutreten den Soldaten Superkräfte bis zur Unsterblichkeit verleiht, die sie den Kampf sicher überstehen lassen. Gleichzeitig versucht das gleiche Pentagon, die Medien davon abzuhalten, die blutgetränkte Wirklichkeit des Krieges zu dokumentieren.

 

Eine deutsche Übersetzung des Artikels gibt es hier. Der im Artikel angesprochene “X-Men”-Werbespot der US-Army ist hier zu finden. (svg)

Filmunterstützung durch die Bundeswehr: „Die Armee will nicht über sich selbst sprechen“

Trotz monatelangem Kontakt und einem Treffen im Verteidigungsministerium in Bonn wollte die Bundeswehr den 2010 veröffentlichten Dokumentarfilm „Der Tag des Spatzen“ nicht unterstützen – weder Interviews mit Militärangehörigen wurden erlaubt noch Drehgenehmigungen für Militärübungsplätze oder auch nur für „Tage der offenen Tür“ an einem Übungsplatz genehmigt. Im Gespräch erläutert Filmemacher Philip Scheffner, warum er für das Filmprojekt Soldaten sprechen wollte und mit welcher Begründung die Bundeswehr die Unterstützung von „Der Tag des Spatzen“ ablehnte.

 

Militainment.info: Wovon handelt Ihr bereits mit dem „Klaus-Wildenhahn-Preis“ der 7. Hamburger Dokumentarfilmwoche ausgezeichneter Film „Der Tag des Spatzen“?

Philip Scheffner: Der Film ist eine Untersuchung über die Sichtbarkeit der deutschen Beteiligung an Kriegen wie etwa in Afghanistan. Es geht darum, dass, wenn Deutschland im Ausland an Militäreinsätzen beteiligt ist, man das doch auch irgendwo hier – in Deutschland – sehen müsste. Es geht also um Fragen von Nähe und Distanz und der Schwierigkeit bzw. Notwendigkeit „sich in Verhältnis zu setzen“. Der Ausgangspunkt des Films war ein persönliches Erlebnis: Zwei Nachrichten erscheinen nebeneinander auf einer Seite einer Tageszeitung im November 2005. Die eine Nachricht handelte von einem Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul, bei dem ein deutscher Soldat ums Leben kam. Der andere Zeitungsartikel handelte vom Tod eines Spatzen in einer niederländischen Stadt. Beide Nachrichten sind Nachrichten von Schauplätzen außerhalb Deutschlands, haben aber sonst nichts miteinander zutun. Als ich die Nachrichten gelesen hatte, sah ich vor meinem Fenster einen Spatz. Da war der direkte Zusammenhang mit dem toten Spatz in den Niederlanden. Doch einen Zusammenhang mit dem toten deutschen Soldaten fand ich in meiner Umgebung nicht. Vom Krieg habe ich gar nichts gesehen. Das hat bei mir eine ganze Gedankenkette in Gang gesetzt, der wir im Film gefolgt sind.

 

Spatz im Rohr eines Panzers

Ein Spatz im Kanonenrohr eines Panzers - Standbild aus "Der Tag des Spatzen" | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Für „Der Tag des Spatzen“ haben Sie bei der Bundeswehr Hilfe beantragt – wie sollte die Armee Ihr Filmprojekt unterstützen?

Wir wollten keine Unterstützung im Sinne von Geld oder ähnlichem von ihnen. Was wir wollten waren Gespräche mit der Bundeswehr. Die deutsche Armee ist einer der direkten Akteure in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Veränderung von Begriffen wie „Krieg“ oder „Frieden“ und es erschien uns daher naheliegend, auch mit Soldaten vor der Kamera zu sprechen. Wir wollten mehr über ihre Erfahrungen mit Auslandseinsätzen und ihre Sicht auf die Veränderungen von einer reinen Verteidigungsarmee hin zu einer „Armee im Einsatz“ berichten. Es waren ja wirklich schon sehr viele deutsche Soldatinnen und Soldaten im Kriegseinsatz in Afghanistan – die Kontingente werden dort mehrmals im Jahr ausgewechselt und das schon seit fast zehn Jahren. Nun kommen Leute aus Afghanistan wieder, die eine konkrete Kriegserfahrung gemacht haben. Ich bin Jahrgang 1966 und kannte bisher nur Leute wie meine Großeltern, die als Deutsche vom Krieg berichten konnten. Auf einmal gibt es nun eine neue Generation von Menschen, die jünger sind als ich und wirklich konkrete Kriegserfahrungen gemacht haben. Diese Erfahrungen werden sich sicherlich auch ins kollektive Bewusstsein Deutschlands einprägen. Wir wollten in „Der Tag des Spatzen“ mit den Soldatinnen und Soldaten sprechen und außerdem – das war die zweite Sache – wollten wir an verschiedenen Militärstützpunkten in Deutschland, bei denen wir eine Verbindung zu Auslandseinsätzen gesehen haben, drehen. Bei diesen Orten – etwa Truppenübungsplätze, Versorgungslager und Einsatzzentralen – hat uns auch interessiert, wie sie im Verhältnis zur lokalen Bevölkerung stehen. Wie sie eingebettet sind in die Landschaft und den Alltag der Menschen. Ob die Menschen wissen, wofür die Einrichtungen da sind und dass sie etwas mit deutschen Auslandseinsätzen zu tun haben.

 

Das US-amerikanische Verteidigungsministerium betreibt eigene Büros, die sich um die Unterstützung von Filmproduktionen – darunter viele Hollywood-Blockbuster – kümmert. Wie läuft es ab, wenn man von der Bundeswehr Hilfe Unterstützung für das eigene Filmprojekt sucht?

Für Journalistische oder aber Spielfilmprojekte gibt es dort unterschiedliche Ansprechpartner. In unserem Fall haben wir zunächst die normale Pressestelle der Bundeswehr angeschrieben. In dem Brief haben wir uns höfflich vorgestellt, das Filmprojekt skizziert und auch eine Liste der Bundeswehr-Standorte, an denen wir den Film drehen wollten, beigefügt. Uns war klar, dass es nicht einfach werden würde die Bundeswehr für das Projekt zu gewinnen. Aber da es im Film eben um deutsche Militäreinsätze geht, war es uns wichtig die Bundeswehr auch zu Wort kommen zu lassen. Die Pressestelle der Bundeswehr hat sich auf unser Schreiben hin sehr interessiert gezeigt, was uns wiederum sehr gefreut hat. Wir wurden dann zu einem Treffen ins Verteidigungsministerium nach Bonn eingeladen, was meine Produzentin und ich auch wahrgenommen haben. Bei dem Treffen saßen dann zehn bis fünfzehn Vertreter der einzelnen Dienststellen, deren Standorte wir in unseren Dreh einbeziehen wollten. Es wurde viel Aufwand betrieben, die Bundeswehr-Vertreter sind aus der ganzen Republik zu dem Treffen angereist. Die Konferenz hat etwa drei Stunden gedauert – wir haben eine halbe Stunde das Filmprojekt vorgestellt, danach wurde diskutiert. Dabei war die Offenheit der Diskussion sehr überraschend. Die Meinungen der Militärs schwankten zwischen Ablehnung des Projekts, Unverständnis und Unterstützung für den Film. Einigen war das Thema zu dubios, was ich nachvollziehen kann, wenn man die Geschichte mit dem Spatzen zum ersten Mal hört. Andere konnten wir aber überzeugen und es gab ein vorsichtiges Interesse. Wieder andere Soldaten, die die Frage nach dem Selbstbild der Bundeswehr und dem Verhältnis zu Auslandseinsätzen innerhalb der Bundeswehr sehr interessant fanden, wollten den Film unbedingt unterstützen. Unterm Strich wurde bei der Debatte – und das sollte ja auch im Film diskutiert werden – die Diskrepanz zwischen dem eindeutig vorhandenen politischen Auftrag und dem fehlenden gesellschaftlichen Auftrag der Bundeswehr aufgeworfen. Einige Soldaten wollten darüber offen reden und fanden es gut, dass sich ein Film kritisch und auch eventuell widersprüchlich für die Bundeswehr mit dem eigenen Verhältnis zu den Auslandseinsätzen beschäftigt. Andere Soldaten sahen das problematisch.

 

Soldaten beim patroullieren

Da Philip Scheffner für "Der Tag des Spatzen" keine Dreherlaubnis für das filmen in Bundeswehr-Kasernen bekam, filmte er von außen in Kasernen und Militärübungsplätze | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Letztlich hat die Bundeswehr „Der Tag des Spatzen“ nicht unterstützt – was hatten die Militärs für Einwände?

Die Sitzung – das wussten wir vorher auch nicht – wurde von einem Vertreter der Presseabteilung der Bundeswehr, der das Treffen auch organisiert hat, mit verfolgt und bewertet. Der Pressevertreter sollte dem Verteidigungsministerium eine Empfehlung aussprechen, ob der Film durch die Bundeswehr unterstützt werden solle oder nicht. Seine Empfehlung und unser komplettes Drehbuch wurden dann ans Ministerium übergeben. Aufgrund der Diskussion in Bonn haben wir das Drehbuch vor der Übergabe sogar nochmals überarbeitet, da wir von der Offenheit der Diskussion so überrascht waren. In das Drehbuch haben wir zwei Szenen integriert, die die lebhafte Diskussion in Bonn darstellen sollten: dass auch die Soldaten untereinander keine einheitliche Meinung zu den Militärmissionen haben und kontrovers darüber diskutieren. Die Bundeswehr hätte im Film relativ viel Platz gehabt, ihre Sichtweisen darzustellen.

 

Der abgelehnte Antrag zur Film-Unterstützung durch die Bundeswehr lief also ohne jedes Formblatt ab?

Ich glaube wir waren da eine Ausnahme, da wir kein journalistisches Projekt sind. Es ist etwas anderes, wenn ich eine Reportage über Afghanistan machen will, da laufen die Sachen bei der Bundeswehr anders ab. Da gibt es ja Trainingscamps für Journalisten in denen sie auf alle möglichen Krisensituationen vorbereitet werden, die Armee gibt ggf. Unterstützung beim Transport des Teams und des Equipments z.B. nach Afghanistan und stellt Berater zur Seite. „Der Tag des Spatzen“ ist ein künstlerisches Filmprojekt, das von der Bundeswehr auch nur schwer einschätzbar war. Es war keine Reportage, es war kein Spielfilm sondern ein künstlerischer, essayistischer Ansatz. Das Projekt wirkte auf die Bundeswehr wohl sehr unkalkulierbar. Das ist vielleicht einer der Gründe warum sie die Unterstützung abgelehnt haben. Aber ich kann da nur spekulieren. Später haben wir übrigens erfahren, dass der Vertreter der Presseabteilung, der sein Votum über unser Projekt ans Verteidigungsministerium abgeben sollte, für uns gestimmt hat. Er war für eine Unterstützung des Film-Projekts. Die höher angeordnete Ebene im Verteidigungsministerium, die nicht bei der Diskussion in Bonn dabei war, sondern nur die positive Empfehlung und unser Drehbuch hatte, hat das Projekt dann in einer kurzen E-Mail abgelehnt. Da war die ganze Mühe – auch die der Leute der Bundeswehr – dahin. Die Ablehnung kam von der übergeordneten, politisch denkenden Stelle. Die unteren und eher lokal verorteten Menschen bei der Bundeswehr erschienen uns wesentlich offener als die, die die politische Pressearbeit der Bundeswehr von Berlin aus koordinieren.

 

War dies das Ende Ihres Versuchs, die Bundeswehr für das Filmprojekt zu gewinnen?

Wir wollten natürlich wissen, woran die Ablehnung der Projektunterstützung denn nun genau gelegen hat und sind in eine langwierige Diskussion mit der zuständigen Pressesprecherin im Verteidigungsministerium getreten: per E-Mail, per Telefon und haben immer wieder hin- und her-kommuniziert, um noch etwas für unseren Film zu retten. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass das Ministerium uns nur noch einen Dreh auf einem Truppenübungsplatz an der Ostsee erlauben wollte. Wie es die Sprecherin selber ausgedrückt hat, war dies ein „good-will“-Angebot an uns, weil das Verteidigungsministerium selbst der Meinung war, dass es alles irgendwie schief gelaufen ist.

Uns wurde gesagt, dass das Treffen in Bonn eigentlich nur wegen einem Versehen zu Stande gekommen sei und – wäre unser erstes Schreiben auf dem richtigen Schreibtisch gelandet – ein solches Treffen gar nicht erst stattgefunden hätte. Das „good-will“ Angebot, also der Drehtermin am Übungsplatz wurde uns schließlich in einer E-Mail nochmal bestätigt, wir hatten uns darauf eingestellt und alles vorbereitet. Kurz bevor es dann aber zu dem Termin kam, bekamen wir an einem Freitag gegen 17.30 Uhr eine E-Mail vom Verteidigungsministerium. Darin  stand, dass nach nochmaliger Prüfung auch der schon vereinbarte Dreh nicht genehmigt werden könne. Richtig klassisch: um die Uhrzeit erreichte man beim Militär niemanden mehr und am nächsten Montag erfährt man dann, dass die Person, die die E-Mail geschrieben hat, in den Urlaub gefahren ist. Da wurden wir dann doch sauer. In Gesprächen wurde uns später nochmal deutlich gesagt, dass die Ablehnung der Unterstützung nicht aufgrund formeller Dinge zustande kam. Das hätte uns auch gewundert, da wir sehr kompromissbereit waren und beispielsweise anboten, statt einfach so während einer Übung auf einem Militärübungsplatz zu drehen einfach bei einem öffentlich zugänglichen „Tag der offenen Tür“ unsere Kameras aufzustellen – selbst das wurde uns aber untersagt. Es wurde uns deutlich gemacht, dass die Bundeswehr nicht in unserem Film auftauchen wollte, wenn es um ihr eigenes Selbstverständnis und ihrer eigenen Arbeit ging. Also eine klar inhaltliche Begründung der Ablehnung.

 

Strand neben Bundeswehr-Gelände

Schön am Strand und nebenan übt die Bundeswehr für ihre Auslandseinsätze | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Folgt daraus nicht im Umkehrschluss, dass die Bundeswehr nur unkritische Filme unterstützt?

So einfach kann man das nicht sagen. Beispielsweise gibt es mittlerweile einige Dokumentar- und Spielfilme über traumatisierte deutsche Afghanistan-Heimkehrer. Diese Filme wurden meinem Wissen nach teilweise durchaus von der Bundeswehr unterstützt. Z.B. durch wissenschaftliche Berater etc.. Anders lassen sich ja solche Filme auch sehr schwer realisieren – das heißt aber nicht automatisch, dass sie deswegen unkritisch sein müssen. Auch die Unterstützung eines kritischen Films über die Armee kann aus Sicht der Bundeswehr Sinn machen, zum Beispiel wenn sie sich dadurch als gesprächsbereit präsentieren kann und zeigt, dass sie sich auch bei Kritik nicht versteckt. Es kann also durchaus im Sinne der Bundeswehr sein, sich in einem kritischen Beitrag zu äußern. Interessant ist, dass die Bundeswehr zur Verfügung steht, wenn es um Fachwissen beispielsweise zum Einsatz in Afghanistan geht. Wenn es aber um das eigene Selbstbild geht, und damit um Grundfragen der (Selbst-)Definition der Bundeswehr und ihrer Rolle in der Gesellschaft Unterstützung zu gewinnen.

 

Was hat sie an der Argumentation mit der Bundeswehr am meisten beeindruckt?

In unseren Gesprächen mit der Bundeswehr ist ein Satz gefallen, der mich sehr irritiert hat: die Pressesprecherin hat uns gefragt, ob wir denn irgendeine „Firma“ kennen würden, die sich so in die eigenen Karten gucken lassen würde wie wir es mit unserem Film versuchen würden. Damit versuchte sie zu begründen warum die Bundeswehr nicht über sich selbst sprechen will. Wenn die Bundeswehr sich selbst als eine normale „Firma“ ansieht, hört es meiner Meinung nach auf. Die Bundeswehr ist eine staatliche Organisation, bei der die Öffentlichkeit ein Auskunftsrecht besitzt. Die Bundeswehr ist eine Armee und kein Unternehmen. Das ist wohl genau das Problem: Hätten wir einen Film über die Bundeswehr in Afghanistan gemacht, wären wir wohl eher unterstützt worden. Wenn man aber die Bundeswehr selbst thematisiert, ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zu den neuen Auslandseinsätzen, kommt man in einen Bereich, um den auch innerhalb der Armee gerungen wird. Diese Diskussion soll nicht nach außen getragen werden und die Bundeswehr will darüber nicht öffentlich sprechen. Und dies sieht man auch im Film. Ich glaube diese Haltung ist sehr symptomatisch für die (Nicht-)Diskussion um die Veränderungen der Zielsetzung der Bundeswehr und ihren gesellschaftlichen Auftrag.

Interview: Michael Schulze von Glaßer