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Videospiele: „Noch gibt es Hemmung vor der Auseinandersetzung“

Patrik Schönfeldt ist Vorsitzender des Verbands für Deutschlands Video- und Computerspieler(VDVC). Die 2009 gegründete Organisation hat etwa 1.500 Mitglieder, beschäftigt sich mit der politischen Debatte um Videospiele und ist im Verbraucherschutz tätig.

Wenn in Deutschland über Videospiele diskutiert wird fallen oft Worte wie „Killerspiel“ oder „Ballerspiel“. Wie bewerten Sie aktuell die gesellschaftliche und politische Debatte um Videospiele?

Die Debatte ist in letzter Zeit deutlich ruhiger geworden, was aber leider nicht heißt, dass kein Aufklärungsbedarf mehr bestünde. Die Debatte ist nicht abgeschlossen, sondern abgebrochen. Viele Vorurteile sind weiterhin verbreitet,  glücklicherweise dienen sie aber in letzter Zeit seltener als Entscheidungsgrundlage. Allein das Wort „Killerspiel“ ist ja schon ein deutliches Zeichen. Es ist in etwa so, als würde man unter der Überschrift „Saisonkraftwerke“ über erneuerbare Energien diskutieren – da ist das Urteil schon längst gefallen.

So wundert es auch nicht, dass immer noch viele Menschen glauben, dass Computerspiele dick, dumm und gewalttätig machen, Computerspiele die Nutzer isolieren oder dass in „World of Warcraft“ „geballert“ wird. Allerdings werden diese Vorurteile nicht so laut verbreitet wie noch vor zwei Jahren. Im Gegenteil versucht ja unter anderem das Land Bayern sein zum Beispiel durch Verbote von LAN-Partys  ramponiertes Image wieder etwas zu verbessern. Wobei das leider eher wirtschaftliche als gesellschaftliche Hintergründe hat.

 

Heute wird der Zugang zu Videospielen durch den Jugendmedienschutz beschränkt. Die zum Großteil von der Videospiel-Industrie getragene UnterhaltungssoftwareSelbstkontrolle(USK) vergibt Alterseinstufungen für Spiele, die jeweiligenAltersentscheidungenfällen von den Bundesländern benannte Sachverständige in Zusammenarbeit mit dem ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden. Wie steht der VDVC zu diesem System?

Das System der Alterseinstufungen regelt nicht nur die Abgabe der Spiele an Spieler eines bestimmten Alters sondern ist auch ein Hinweis für die Eltern der spielenden Kinder. Das System der Alterseinstufungen finden wir grundsätzlich gut. Wenn man nur den Jugendschutz betrachtet, ist das deutsche System auch gar nicht so unterschiedlich vom Rest Europas.

Die Unterschiede sind eine kulturelle Sache: Schimpfwörter sind in Spielen für den deutschen Markt kein Problem, in anderen Ländern wiederum schon. In Deutschland dagegen wird sehr auf Gewaltdarstellung geachtet. Interessant ist auch, dass Fantasyspiele mit Schwertkämpfen in Deutschland regelmäßig für jüngere Altersgruppen freigegeben werden. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wahrscheinlich Schusswaffen das wichtigste Entscheidungsmerkmal.

Es gibt aber auch andere Gründe für eine hohe Alterseinstufung, dazu gehören neben sexueller Darstellung auch eher überraschende Kriterien: Erst kürzlich wurde das Spiel „The Binding of Isaac: Unholy Edition“ aufgrund „blasphemischer Inhalte“ ab 16-Jahren eingestuft. Es ist also nicht nur die Gewalt, aber es wird eben sehr darauf geachtet. Ob dieser Schwerpunkt richtig ist, darüber lässt sich natürlich streiten, grundsätzlich ist Jugendschutz aber ein wichtiges Anliegen.

Was uns wirklich stört sind Indizierungen. Indizierte Spiele dürfen nicht mehr in den Regalen von Händlern ausliegen. Betroffen sind sogenannte „jugendgefährdende Inhalte“, also solche, die ohnehin nicht an Kinder verkauft werden dürfen. Indizierungen sind somit de facto ein Verbot vor allem für Erwachsene. Dass so etwas mit Jugendschutz gerechtfertigt wird, ist absurd – zumal die Indizierung die Spiele bei Kindern meist eher bekannter macht, während die Eltern schwieriger von einer möglichen Jugendgefährdung erfahren. Heutzutage würde eine solche Maßnahme vermutlich gar nicht mehr eingeführt, doch stammt sie aus den 1950er-Jahren in dem kein anderer Jugendmedienschutz bestand. Durch diese alte Hintertür werden heute also Erwachsenen im Namen des Jugendmedienschutzes Vorschriften bei der Auswahl ihrer Medieninhalte gemacht. Wenn man volljährig ist, sollte man selber entscheiden dürfen – alles andere ist Zensur.

Mit dem USK-System sind wir im Bereich Jugendschutz also insgesamt zufrieden. Indizierungen für welche die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) zuständig ist, halten wir dagegen für nicht mehr zeitgemäß. Daher wollen wir sie abschaffen und haben vor mittlerweile einem Jahr einePetitionandenBundestaggestellt. Der Petitionsausschusswilldieseabernichtzulassen, da aus Sicht der Bundesregierung kein Handlungsbedarf bestehe. Die Erfolgsaussicht der Petition sei somit zu gering.

 

Patrik Schönfeldt ist Vorsitzender des VDVC | Quelle: Privat

 

Für viele Politiker scheint das Thema ‚Videospiel‘ wenig relevant

Ja, das sieht man auch an der abgelehnten Petition: Es herrscht in weiten Kreisen der Politik aber auch in der Gesellschaft keine richtige Bereitschaft sich mit Video- und Computerspielen auseinanderzusetzen. Wir schreiben eine Petition, erklären detailliert die gesamte Thematik und im Antwortschreiben wird darauf nicht mal eingegangen. Mit der abgelehnten Petition wird die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Debatte unterbunden. Zwar gab es imletztenJahreinePolitiker-LANimBundestag aber auch dabei war die Resonanz nur mäßig – das ändert sich natürlich mit der jüngeren Generationen von Abgeordneten, die selbst mit Videospiele groß geworden sind. Noch gibt es aber eine gewisse Hemmung vor der Auseinandersetzung.

 

Indizierungen und Alterseinstufungen: bringen die in Zeiten legaler- und illegaler-Downloads und Spiele-Exporten aus dem Ausland überhaupt noch etwas?

Ja und nein. Wenn man als Kind oder Jugendlicher an Spiele rankommen möchte, schafft man das auch. Eltern sollten darauf achten, was ihre Kinder spielen. Die USK-Freigaben auf den Verpackungen geben dabei Hilfe, welches Spiel für welches Alter geeignet ist. Was dabei allerdings fehlt ist die Begründung der Einstufung: Auch wenn sich die USK sonst sehr transparent gibt – die Urteilsbegründungen der Spieleinstufungen werden nicht veröffentlicht. Eltern kriegen also nur die Alterseinstufung selbst als Tipp. Wie diese zustande kam – ob aufgrund etwa von sexueller oder gewalthaltiger Darstellung im Spiel – wird den Eltern aber nicht gesagt. Die USK überlässt es den Videospiel-Unternehmen, die Begründungen zu veröffentlichen, hält sich selbst dabei raus. Die Software-Unternehmen halten die Protokolle dann in der Regel unter Verschluss und wollen sich scheinbar nicht in die Karten schauen lassen.

 

In Österreich wird gerade über eine Steuer auf „gewalthaltige“ Videospiele diskutiert. Befürchten Sie, dass eine solche Debatte auch in Deutschland zustande kommen könnte?

Vermutlich ist das eine Überlegung, die den Medienkonsum von Erwachsenen auch in Österreich nach gewissen Vorgaben zu steuern. Dort gibt es ja keine Indizierung. Die Befürworter der Steuer argumentieren, gewalthaltige Spiele würden Aggressivität fördern, das ist aber nicht bewiesen und wird vor allem von grundsätzlich medienfeindlich eingestellten Personen wie Manfred Spitzer behauptet.

Rein rechtlich wäre eine solche Steuer in Deutschland zwar möglich – das wurde etwa auf der Website von „Stigma-Videospiele genauer erörtert – aber in diese Richtung gehende Forderungen vor allem von Christian Pfeiffer gehen schon länger ins Leere. Bei den Befürwortern hierzulande sehe ich vor allem den Willen zu einem Signal der Ächtung. Schon eine Lektüre des Kölner Aufrufs, den u.a. Pfeiffer unterzeichnet hat, zeigt deutlich, wie das Weltbild dieser Menschen aussehen muss. In dieser Konzentration sind Vorurteile bislang zum Glück aber nur selten in Erscheinung getreten.

 

Nochmal zum Thema ‚Indizierungen‘: dagegen richten sich neben dem VDVC auch Unternehmen der Videospiel-Branche und kritisieren das Verfahren. Ein Einzelfall oder gibt es generell gute Beziehungen und Gemeinsamkeiten zwischen Spielern und Industrie?

Unser Verhältnis zur Videospielindustrie ist sehr ambivalent. Es gibt zum Beispiel Versuche großer Unternehmen, die Spieler klein zu halten. Dies geschieht etwa durch Einschränkungen der Rechte am gekauften Produkt – manche Spiele lassen zum Beispiel nur eine geringe Zahl von Installationen zu. Negative Berühmtheit erreichte dieSoftwareOrigin von Electronic Arts. Damit der Käufer aktuelle Spiele des Herstellers spielen kann, muss er Origin installieren. In den Nutzungsbedingungen der Software nahm sich Electronic Arts aber etwa das  Recht heraus, den Computer des Nutzers nach Raubkopien zu durchforsten, Nutzerdaten zu erfassen und dem Kunden die Spiele jederzeit wieder weg zu nehmen. So etwas darf nicht sein; folgerichtig sind wir auch aktiv geworden – mit dem kleinen Etappenerfolg, dass zumindest die Durchsuchungen nicht mehr im Vertragstext stehen. So sehr wir die Spiele lieben, die Videospielindustrie vertritt letztlich nicht die Interessen ihrer Eigentümer, nicht die der Kunden.

Speziell beim Jugendschutz können wir mit der Meinung einiger der Konzerne leben. Andere sehen sogar Vorteile durch die Indizierung, weil sie nur die Konkurrenz trifft. Ein aktueller Trend ist zudem, dass Teile aus einem fertigen Spiel entfernt werden, die dann direkt zum Start gegen zusätzliches Geld verkauft werden. Das zeigt einen geringen Respekt vor dem eigenen Medium und lässt vermuten, dass die entsprechenden Firmen ebenfalls kaum moralische Schwierigkeiten mit Zensur haben. Das Herz bluten dürfte dagegen den Entwicklern, die eine Geschichte erzählen möchten. Diesen fühlen wir uns als Spieler auch näher.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

„Wir sind selbst in der Rüstungsbranche tätig“

Bohemia-Interactive wurde durch das 2001 veröffentlichte Videospiel „Operation Flashpoint“ bekannt. Das Spiel gilt als Meilenstein im Genre der Taktik-Shooter. Es folgten die Spiele „ArmA: Armed Assault“ (2006) und „ARMA 2“ (2009). Letzteres wird vom Entwickler mit den Worten „Die ultimative Militärsimulation“ beworben. Im Frühjahr 2012 soll „ARMA 3“ folgen. Auf der Gamescom 2011 beantwortete Martin Vaňo, Senior Designer bei Bohemia-Interactive, einige Fragen zur Verbindung der Videospiel-Serie mit dem echten Militär und der Rüstungsindustrie – das Interview ist eine Ergänzung zum kürzlich auf Militainment.info erschienenen Artikel über das tschechische Entwicklungsstudio.

 

Militainment.info: Arbeiten Sie bei der Entwicklung ihrer Videospiele mit dem Militär zusammen?

Martin Vaňo: Wir haben viele militärische Berater, meist sind es ehemalige Marines oder sie waren Mitglieder von Spezialeinheiten. Ehemalige Soldaten haben den Vorteil viel offener über ihre Erfahrungen im Militär und im Einsatz sprechen zu können als Aktive, die oft zu Verschwiegenheit verpflichtet sind. Die Ex-Soldaten arbeiten eng mit uns zusammen und erklären uns wie Kämpfe im Krieg ablaufen und sich anfühlen. So können wir das Spiel nach ihren Erfahrungen realitätsnah programmieren. Auch mit der Rüstungsindustrie arbeiten wir zusammen.

 

Wie sieht die Kooperation mit der Industrie denn genau aus?

Wir haben zu einer Handvoll Leuten aus der Rüstungsindustrie Kontakt: unter anderem zu Waffendesignern und Waffentestern. ARMA 3 spielt etwa zwanzig Jahre in der Zukunft, weshalb die Rüstungsexperten am besten wissen wie die Waffen der Zukunft aussehen und welche Leistungen sie haben werden. Auch die schon erwähnten ehemaligen Soldaten geben uns wertvolle Informationen über Waffen. Für Fahrzeuge nutzen wir oft Fotos um diese so originalgetreu wie Möglich im Computer zu erschaffen. Da wir mit unserem Simulationsprogramm „Virtual Battelspace“ (VBS) selbst in der Rüstungsbranche tätig sind, finden wir aber auch leicht Kontakt zu anderen Firmen der Branche.

 

Das „Virtual Battlespace“-Programm ist ein Trainingssimulator für Soldaten. Dabei war Bohemia-Interactive ursprünglich nur Hersteller von Videospielen. Wie kam es zu diesem Wandel?

Das war Zufall. Ein Fan von „Operation Flashpoint“ war Soldat. Er programmierte in seiner Freizeit einige Missionen für das Spiel. Gleichzeitig war er auf der Suche nach einem Trainingssimulator für echte Streitkräfte. So fingen wir an den „Virtual Battlespace 1“ mit Operation-Flashpoint-Engine und später den „Virtual Battlespace 2“ mit ARMA-Engine zu entwickeln. Etwa fünfzehn Armeen nutzen unsere Simulationssoftware heute und die Liste wächst ständig. Vor allem NATO-Streitkräfte nutzen die Software. Etwa Großbritannien und Kanada aber auch Neu Seeland und Australien. Bei der US-Armee wird der VBS von der National-Garde und den US-Marines genutzt.

 

Was kann mit dem Programm trainiert werden?

Die Software wird vor allem dazu genutzt den Soldaten beizubringen wie sie sich im Einsatz zu verhalten haben. Beispielsweise gibt es eine Mission bei dem der Soldat in Afghanistan ist und lernen soll Autos an einem Check-Point anzuhalten. Doch in dem Programm stoppt das Auto nicht – also was muss der Soldat tun? Die Leiter des Trainingsprogramms spielen die Insassen des Autos und der Soldat weiß nicht ob diese ihn nun Angreifen oder nur verwirrte Zivilisten spielen. Das ist aber nur eine Art den VBS einzusetzen – das Militär verwendet das Programm für viele unterschiedliche Aufgaben und jede Armee hat ihre eigenen Spezifikationen des Programms. Teilweise werden sogar realgetreue Fahrzeuge ins Spiel implementiert. Die Soldaten sitzen dann wie gewohnt in ihrem Militärfahrzeug und um sie herum wird die Trainingssoftware auf eine Leinwand projiziert.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Kritik am Jugendmedienschutz: „Gewaltdarstellung kann unter Umständen sogar friedensfördernd sein“

Videospiele und Filme in denen Gewalt dargestellt wird, bekommen vom deutschen Jugendmedienschutz oft nur eine Altersfreigabe ab 18 Jahren oder werden sogar ganz verboten. Wenig Probleme haben die Jugendschützer hingegen, wenn etwa „James Bond“ mit der Lizenz zum Töten umherzieht und vermeintliche Terroristen und andere Bösewichte steril zur Strecke bringt. Im Gespräch erklärt Buchautor und Friedensaktivist Peter Bürger – dessen Studien über Militianment mittlerweile zu Standardwerken in der deutschen Fachliteratur gehören – warum der aktuelle Jugendmedienschutz für Filme und Videospiele sein Ziel verfehlt und wagt einen Gegenentwurf.


Militainment.info: In ihrem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis der Deutschen Friedensgesellschaft ausgezeichnet Buch „Kino der Angst“ und auch in der 2007 erschienenen Fortsetzung „Bildermaschine für den Krieg“ gehen Sie mit dem deutschen Jugendmedienschutz hart ins Gericht. Welches Problem sehen Sie in den Altersbeschränkungen oder gar Verboten von Videospielen und Filmen?

Peter Bürger: Das massenkulturelle Gewalterbe, das die neoliberalistische Ära unseren Gesellschaften beschert hat, ist ein erschreckendes Erbe. Es hat die Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Spannung und unsere ästhetische Wahrnehmung tiefgreifend geformt. Aus meiner Sicht dienen Kontrollgremien und staatliche Medienverbote auch dazu, immer noch den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren. Ich bin unbedingt für Altersbeschränkungen bei destruktiven Medienprodukten, auch weil sie den mächtigen Produzenten vielleicht doch Profitverluste einbringen. Auch Verbote lehne ich keineswegs prinzipiell ab. Nazipropaganda und Rassismus haben im Kino nichts verloren. Genauso wenig sollte etwa Werbung für den Verzehr von Menschenfleisch ins Fernsehprogramm. Das liberalistische Paradigma kommt aber über den rein formalen Satz „Alles ist erlaubt“ nicht hinaus, und es erlaubt derzeit vor allem Tabubrüche beim Klassenkampf von oben und hinsichtlich der tradierten Auffassungen von Recht. Das demokratische Anliegen einer freiheitlichen Kultur ist aber auf einem ganz anderen Schauplatz zu verfolgen. Hier geht es um ganz andere Fragen: Die real existierende Massenkultur wird von wenigen Medienmonopolen kontrolliert. Wem dienen die dominanten Formate, Inhalte und Weltbilder? Wo kommen Sichtweisen und Interessen zur Sprache, die einer Mehrheit der Menschen auf dem Globus dienlich sind? Welche Chancen haben entsprechende künstlerische Produktionen, überhaupt im maßgeblichen Mediensortiment berücksichtigt zu werden? Bezogen auf die Ansätze von Alterskontrolle und Medienverboten gibt es meiner Meinung nach folgende Problemkreise:

Erstens: Welche Kriterien werden zugrundelegt? Bei den herrschenden Kriterien kann man problemlos einen Kriegspropagandafilm für Kinder ins Sortiment schleusen. Die wirksamste Propaganda ist ohnehin immer subtil, wird also durch vordergründige Gesichtspunkte gar nicht beeinträchtigt. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich im engen Sinne auf psychologische Wirkungshypothesen zur „Mediengewalt“ bezieht oder den in UN-Charta, Verfassung und Völkerrecht manifestierten Zivilisationskonsens einer Ächtung des Krieges zum Ausgangspunkt nimmt. Welche Gesichtspunkte im letzten Fall hinzutreten müssten, zeige ich im Schlusskapitel meiner Studie „Kino der Angst“. Eine dominante Massenkultur, die das Programm „Krieg und Militär“ bewirbt, ist zivilisationsfeindlich.

Zweitens: Schon rein pragmatisch muss man beim isolierten Kontroll- und Verbotsparadigma fragen, ob es denn überhaupt etwas bewirkt. Ich glaube, dass Verbote im Internetzeitalter nur wenig bis gar nicht funktionieren und sogar die Attraktivität der indizierten Titel steigern können.

Drittens: Damit hängt die Alibifunktion des Kontroll- und Verbotsparadigma zusammen. Man suggeriert, es werde ja etwas getan. In Wirklichkeit kommt es aber nicht zu intelligenten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Strategien wider die Militarisierung der Kultur.

Viertens: Schließlich sind die Akteure beim Kontroll- und Verbotsparadigma Einrichtungen der Anbieterseite – also der Produzenten – und des Staates. Sollten wir da allen Ernstes eine Kritik des kriegssubventionierenden Kulturparadigmas erwarten, die ans Eingemachte geht? Welche staatliche Einrichtung ist bezogen auf die Friedensartikel des Grundgesetzes denn noch verfassungstreu? Eine kritische Bundeszentrale für politische Bildung müsste beim Thema Videospiele die Spielaufgaben „geostrategische Kontrolle“ und Ressourcenaneignung problematisieren und zeigen, dass das entsprechende Imperial-Entertainment ein Spiegelbild der neuen westlichen Militärstrategien ist. Da können wir aber lange warten. Ich traue nicht einmal Friedensinstituten, die in erster Linie von staatlicher Förderung abhängig sind, eine wirklich kritische Forschung zur militarisierten Massenkultur zu.

 

Peter Bürger

Der Publizist und Friedensaktivist Peter Bürger sieht den heutigen Jugendmedienschutz kritisch | Quelle: Michael Schulze von Glaßer

 

Auch „blutige“ Videospiele und Filme stellen den Krieg nicht realistisch dar – man will die Spieler und Zuschauer ja nicht traumatisieren. Sollte man das Thema „Krieg“ daher erst gar nicht in Unterhaltungsmedien behandeln?

Bezogen auf einen vordergründigen „Kriegsrealismus“ bietet die Filmindustrie seit Spielbergs „Saving Private Ryan“ (USA 1998) ja einiges. Aber wir wollen Klartext reden: es gibt keinen „realistischen Kriegsfilm“. Realismus, das hieße in unserem Fall, dass den Kinozuschauern zumindest echte Kugeln um die Ohren fliegen. Oder das Popcorn für die Filmvorstellung müsste radioaktiv sein, so dass die Kinobesucher viel später Wirkungen merken – wie die Opfer der von NATO-Ländern eingesetzten Uranmunition. So etwas geht natürlich nicht. Was im Bereich der Unterhaltungsmedien mit Kriegsthematik „Realismus“ genannt wird, das ist eine künstlerische oder handwerkliche Sache. Mit der Wirklichkeit von Krieg hat das nichts zu tun. Dem Konsumenten wird ein attraktives Erlebnis geboten – besonders bei Videospielen ist ein als „realistisch“ erlebtes virtuelles Geschehen zentral. Fast immer firmiert der „realistische Kriegsfilm“ dann als sogenannter Antikriegsfilm, obwohl beim näheren Hinsehen von Kriegskritik keine Rede sein kann. Das Stilmittel „Realismus“ ist in keiner Weise Garant für ein kriegskritisches Paradigma!

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Die unglaubliche Militarisierung der unterhaltungsindustriellen Produktpalette ist Spiegel – und zugleich Instrument – der herrschenden Welt-Kriegsordnung. Mit moralischen Appellen – was „man sollte“ und was nicht – ist diesem massenkulturellen Rüstungssektor nicht beizukommen. Solange die reichen Täterländer Ungerechtigkeit und Elend auf dem Globus zu ihren Gunsten militärisch aufrechterhalten, werden sie eine dementsprechende Kriegskultur fördern. Für den wirklich kriegskritischen Künstler stellt sich aber die Frage, ob er von den tradierten Topoi, Stereotypen, ästhetischen Konzepten etc. in der Darstellung von Militär und Krieg überhaupt noch irgendetwas gebrauchen kann. Das ganze Ausmaß der menschlichen Leiden, die seelischen Zerstörungen durch Kriegsgewalt, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Militarisierung und die ökonomisch-politische Täterschaft im geheimen Zentrum der Kriegsmaschinerie, all das ist mit herkömmlichen Mitteln des Kriegskinos oder in Spielen nicht zu vermitteln. Die Kunst läge vielleicht darin, kriegskritische Veteranenfilme oder Politthriller zu machen, in denen keine Uniformen und Kriegsgeräte, ja überhaupt keine Kriegsbilder auftauchen.

 

Sie kritisieren den heutigen Jugendmedienschutz – haben Sie also ein Gegenmodell?

Wichtiger als der vordergründige Blick auf Mediengewaltdarstellung ist die Kritik der politischen Drehbücher, die in Ästhetik und Inhalten der militarisierten Massenkultur zum Tragen kommen. Gewaltdarstellung in sich ist nicht das Problem, denn sie kann ein wichtiges Moment von sehr menschlichen und kritischen Kunstwerken sein. Plakativ gesagt: Gewaltdarstellung kann unter bestimmten Umständen friedensfördernd sein. Wenn wir das Schlachtfeld der herausquellenden Menschengedärme verlassen, stoßen wir auf die wunderschöne Bildinszenierung von Atombombenpilzen oder auf gut gemachte Science-Fiction-Filme, durch die vorausschauend die Militärtechnologie der Zukunft in den Köpfen verankert wird. Und dann haben wir noch die herzzerreißenden Werbespielfilme für den „humanitären Krieg“. Da steht nirgends im Vorspann, dass die zivilen Hilfsfonds bestenfalls ein Zehntel des Kriegshaushaltes ausmachen und somit schon die nackten Zahlen das Märchen von menschenfreundlichen Militäreinsätzen als Lüge entlarven. Kurzum, die eigentlichen Propagandakomplexe sind mit dem Focus auf „Mediengewalt“ noch gar nicht thematisiert. Ich versuche mal ein Gegenmodell zum heutigen Jugendmedienschutz in sechs Punkten zu erläutern:

Erstens: Zentral wäre für eine wirksame Gegenstrategie zunächst eine wirklich kritische Erforschung der Produktionsbedingungen und Produkte des militärisch-unterhaltungsindustriellen Komplexes. Dies ist aber von einzelnen Publizisten, Medienforschern etc. nicht umfassend zu leisten – und von öffentlichen Instituten oder einer weithin formalistischen „Medienpädagogik“ nicht zu erwarten.

Zweitens: In meinem Gegenentwurf bringe ich auch die Kategorie Verbraucherschutz ins Spiel. Medienangebote, bei denen Kriegsprofiteure, Militärs und staatliche Stellen mitgewirkt haben, müssten die entsprechenden Kooperationen schon auf der Verpackung sichtbar machen. Konsumenten haben nämlich ein Anrecht, ohne langwierige Recherchen zu erfahren, wer ihnen an Spielkonsole, PC oder Fernsehbildschirm ein bestimmtes Angebot „präsentiert“. Die Kooperationen des Militärs werden oft als Gefälligkeit oder neutrale Dienstleistung kaschiert, wir wissen aber, dass es in Wirklichkeit um zivil-militärische Zusammenarbeit im Rüstungssektor „Kultur“ geht. Nach meiner Erfahrung interessieren sich junge Medienkonsumenten sehr für solche Zusammenhänge.

Drittens: Im Gespräch mit modernen Mediennutzern muss die Friedensbewegung unbedingt vermitteln, dass eine Militarisierung der Kultur immer mit einer Militarisierung der Gesellschaft – also mit autoritären und freiheitsfeindlichen Verhältnissen – einhergeht. Auf diese Weise bekommen wir Friedensbewegte Verbündete in solchen Szenen, die durch Medienverbotsforderungen nur abgeschreckt werden.

Viertens: Da die Friedensbewegten als Pazifisten unverbesserlich der Aufklärung verpflichtet bleiben, bleibt die Gegenaufklärung eine Hauptsäule. Im Medienzeitalter kommen wir z.B. nicht umhin, kritische und friedensförderliche Produktionen besser zugänglich zu machen, denn im kommerziellen Gefüge gehen diese Angebote ja regelmäßig unter. Wir bräuchten also ein gut gemachtes Internetangebot, in dem entsprechende Titel systematisch vorgestellt werden und am besten auch leicht abrufbar sind.

Fünftens: 2010 endete – ohne nennenswertes Echo hierzulande – die UN-Dekade „Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt“. Um was für eine Kultur ging es hier? Selbst wenn wir eine kriegskritische und aufklärende Massenkultur hätten, wäre sie noch nicht berührt, denn auch der Komplex „Antikriegsfilm“ definiert sich in seiner Abgrenzung noch vom Militärischen her. Notwendig wären attraktive Bilder der Begegnung, der zärtlichen Annäherung und der Zusammenarbeit von Menschen. Ich spreche hier bewusst von einer erotischen Kultur, denn Eros ist – abseits von platter Sexualisierung – die spürbare Leidenschaft für das Leben. Eros ist spannend, denn er freut sich am Anderen – statt das Fremde gleichzuschalten. Man stellt sich eine Kultur des Friedens meist so langweilig vor wie eine Himmelsvorstellung, in die Erlösten auf Wolken unentwegt Halleluja singen. Sie müsste aber in Wirklichkeit so lebendig, schön und belebend sein, dass jede Kriegsaction neben ihr nur noch ein bloßes Gähnen hervorruft.

Sechstens: Der konventionelle Friedensaktivist ist nicht unbedingt kompetent, künstlerische Beiträge zu einer so verstandenen Kultur des Friedens zu kreieren. Ohne Künstler und andere sogenannte Kulturschaffende sind wir aufgeschmissen. Viel wäre schon gewonnen, wenn Pazifisten bzw. Antimilitaristen zunächst Kultur und Kulturpolitik überhaupt als zentrale Themen begreifen.

 

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass es oft Politiker aus dem konservativen Spektrum sind, die einerseits gegen so genannte „Ballerspiele“ hetzen, aber andererseits Kriegseinsätze des Militärs befürworten. Können Sie dies näher erläutern?

Von Politikern, die – aktiv oder stillschweigend – an der militärischen Aufrechterhaltung der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Elends auf unserem Planeten mitwirken, sollten wir per se keine förderlichen Vorschläge in Sachen Friedenskultur erwarten. Wenn jemand öffentlichkeitswirksam ein Verbot von sogenannten Killerspielen fordert, dann müssen wir ihm Fragen wie diese stellen: „Und wie hältst du es mit den Medienprodukten, in denen ganz unblutig und sauber Militärsimulationen oder Kriegsstrategien durchgespielt werden? Wie hältst du es mit Kulturkampfbeiträgen, die mental zur Akzeptanz von Kriegen gegen ‚islamische Länder‘ mit reichen Energieressourcen beitragen? Was sagst du zu unterhaltsamer Propaganda, die das Bild des Bundeswehrsoldaten wieder mit Ehre, Heldentum, Opferbereitschaft und sonstiger ‚Größe‘ verbindet?“

Ihre Frage bezieht sich wohl auf Buchpassagen, in denen ich von populistischer Gewaltzensur spreche. Populistische Gewaltzensoren aus der konservativen Ecke regen sich darüber auf, wenn zwei Männer auf Leinwand oder Bildschirm zärtlich ihre Genitalien berühren. Kein Problem ist es hingegen für sie, wenn ein soldatischer Scharfschütze im Film einen anderen Mann sauber abschießt – sofern eine jugendfreie Kameraperspektive eingehalten wird. Kein Problem ist für sie auch der niveauvolle Geheimagentenfilm, in dem der angelsächsische Held außerhalb des Gesetzes steht und seine Aufträge auf allen Kontinenten ganz diskret erfüllt. Solche Politiker wollen keine Ego-Shooter, aber mit Unterhaltungsprodukten, die ein positives Militärimage vermitteln, Interesse an moderner Militärtechnik wecken und der westlichen Militärdoktrin zuarbeiten, haben sie keine Probleme.

Die Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist erschreckend. Wir steuern bei uns auf ähnliche Verhältnisse zu. Wenn etwa ein wertkonservatives CSU-Mitglied das als Problem ansieht, sehe ich als Pazifist eine gute Gesprächsgrundlage. Keinen Beifall sollten wir den selektiven Stammtischparolen gegen die „Ballerei an Bildschirmen“ zollen.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Filmunterstützung durch die Bundeswehr: „Die Armee will nicht über sich selbst sprechen“

Trotz monatelangem Kontakt und einem Treffen im Verteidigungsministerium in Bonn wollte die Bundeswehr den 2010 veröffentlichten Dokumentarfilm „Der Tag des Spatzen“ nicht unterstützen – weder Interviews mit Militärangehörigen wurden erlaubt noch Drehgenehmigungen für Militärübungsplätze oder auch nur für „Tage der offenen Tür“ an einem Übungsplatz genehmigt. Im Gespräch erläutert Filmemacher Philip Scheffner, warum er für das Filmprojekt Soldaten sprechen wollte und mit welcher Begründung die Bundeswehr die Unterstützung von „Der Tag des Spatzen“ ablehnte.

 

Militainment.info: Wovon handelt Ihr bereits mit dem „Klaus-Wildenhahn-Preis“ der 7. Hamburger Dokumentarfilmwoche ausgezeichneter Film „Der Tag des Spatzen“?

Philip Scheffner: Der Film ist eine Untersuchung über die Sichtbarkeit der deutschen Beteiligung an Kriegen wie etwa in Afghanistan. Es geht darum, dass, wenn Deutschland im Ausland an Militäreinsätzen beteiligt ist, man das doch auch irgendwo hier – in Deutschland – sehen müsste. Es geht also um Fragen von Nähe und Distanz und der Schwierigkeit bzw. Notwendigkeit „sich in Verhältnis zu setzen“. Der Ausgangspunkt des Films war ein persönliches Erlebnis: Zwei Nachrichten erscheinen nebeneinander auf einer Seite einer Tageszeitung im November 2005. Die eine Nachricht handelte von einem Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul, bei dem ein deutscher Soldat ums Leben kam. Der andere Zeitungsartikel handelte vom Tod eines Spatzen in einer niederländischen Stadt. Beide Nachrichten sind Nachrichten von Schauplätzen außerhalb Deutschlands, haben aber sonst nichts miteinander zutun. Als ich die Nachrichten gelesen hatte, sah ich vor meinem Fenster einen Spatz. Da war der direkte Zusammenhang mit dem toten Spatz in den Niederlanden. Doch einen Zusammenhang mit dem toten deutschen Soldaten fand ich in meiner Umgebung nicht. Vom Krieg habe ich gar nichts gesehen. Das hat bei mir eine ganze Gedankenkette in Gang gesetzt, der wir im Film gefolgt sind.

 

Spatz im Rohr eines Panzers

Ein Spatz im Kanonenrohr eines Panzers - Standbild aus "Der Tag des Spatzen" | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Für „Der Tag des Spatzen“ haben Sie bei der Bundeswehr Hilfe beantragt – wie sollte die Armee Ihr Filmprojekt unterstützen?

Wir wollten keine Unterstützung im Sinne von Geld oder ähnlichem von ihnen. Was wir wollten waren Gespräche mit der Bundeswehr. Die deutsche Armee ist einer der direkten Akteure in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Veränderung von Begriffen wie „Krieg“ oder „Frieden“ und es erschien uns daher naheliegend, auch mit Soldaten vor der Kamera zu sprechen. Wir wollten mehr über ihre Erfahrungen mit Auslandseinsätzen und ihre Sicht auf die Veränderungen von einer reinen Verteidigungsarmee hin zu einer „Armee im Einsatz“ berichten. Es waren ja wirklich schon sehr viele deutsche Soldatinnen und Soldaten im Kriegseinsatz in Afghanistan – die Kontingente werden dort mehrmals im Jahr ausgewechselt und das schon seit fast zehn Jahren. Nun kommen Leute aus Afghanistan wieder, die eine konkrete Kriegserfahrung gemacht haben. Ich bin Jahrgang 1966 und kannte bisher nur Leute wie meine Großeltern, die als Deutsche vom Krieg berichten konnten. Auf einmal gibt es nun eine neue Generation von Menschen, die jünger sind als ich und wirklich konkrete Kriegserfahrungen gemacht haben. Diese Erfahrungen werden sich sicherlich auch ins kollektive Bewusstsein Deutschlands einprägen. Wir wollten in „Der Tag des Spatzen“ mit den Soldatinnen und Soldaten sprechen und außerdem – das war die zweite Sache – wollten wir an verschiedenen Militärstützpunkten in Deutschland, bei denen wir eine Verbindung zu Auslandseinsätzen gesehen haben, drehen. Bei diesen Orten – etwa Truppenübungsplätze, Versorgungslager und Einsatzzentralen – hat uns auch interessiert, wie sie im Verhältnis zur lokalen Bevölkerung stehen. Wie sie eingebettet sind in die Landschaft und den Alltag der Menschen. Ob die Menschen wissen, wofür die Einrichtungen da sind und dass sie etwas mit deutschen Auslandseinsätzen zu tun haben.

 

Das US-amerikanische Verteidigungsministerium betreibt eigene Büros, die sich um die Unterstützung von Filmproduktionen – darunter viele Hollywood-Blockbuster – kümmert. Wie läuft es ab, wenn man von der Bundeswehr Hilfe Unterstützung für das eigene Filmprojekt sucht?

Für Journalistische oder aber Spielfilmprojekte gibt es dort unterschiedliche Ansprechpartner. In unserem Fall haben wir zunächst die normale Pressestelle der Bundeswehr angeschrieben. In dem Brief haben wir uns höfflich vorgestellt, das Filmprojekt skizziert und auch eine Liste der Bundeswehr-Standorte, an denen wir den Film drehen wollten, beigefügt. Uns war klar, dass es nicht einfach werden würde die Bundeswehr für das Projekt zu gewinnen. Aber da es im Film eben um deutsche Militäreinsätze geht, war es uns wichtig die Bundeswehr auch zu Wort kommen zu lassen. Die Pressestelle der Bundeswehr hat sich auf unser Schreiben hin sehr interessiert gezeigt, was uns wiederum sehr gefreut hat. Wir wurden dann zu einem Treffen ins Verteidigungsministerium nach Bonn eingeladen, was meine Produzentin und ich auch wahrgenommen haben. Bei dem Treffen saßen dann zehn bis fünfzehn Vertreter der einzelnen Dienststellen, deren Standorte wir in unseren Dreh einbeziehen wollten. Es wurde viel Aufwand betrieben, die Bundeswehr-Vertreter sind aus der ganzen Republik zu dem Treffen angereist. Die Konferenz hat etwa drei Stunden gedauert – wir haben eine halbe Stunde das Filmprojekt vorgestellt, danach wurde diskutiert. Dabei war die Offenheit der Diskussion sehr überraschend. Die Meinungen der Militärs schwankten zwischen Ablehnung des Projekts, Unverständnis und Unterstützung für den Film. Einigen war das Thema zu dubios, was ich nachvollziehen kann, wenn man die Geschichte mit dem Spatzen zum ersten Mal hört. Andere konnten wir aber überzeugen und es gab ein vorsichtiges Interesse. Wieder andere Soldaten, die die Frage nach dem Selbstbild der Bundeswehr und dem Verhältnis zu Auslandseinsätzen innerhalb der Bundeswehr sehr interessant fanden, wollten den Film unbedingt unterstützen. Unterm Strich wurde bei der Debatte – und das sollte ja auch im Film diskutiert werden – die Diskrepanz zwischen dem eindeutig vorhandenen politischen Auftrag und dem fehlenden gesellschaftlichen Auftrag der Bundeswehr aufgeworfen. Einige Soldaten wollten darüber offen reden und fanden es gut, dass sich ein Film kritisch und auch eventuell widersprüchlich für die Bundeswehr mit dem eigenen Verhältnis zu den Auslandseinsätzen beschäftigt. Andere Soldaten sahen das problematisch.

 

Soldaten beim patroullieren

Da Philip Scheffner für "Der Tag des Spatzen" keine Dreherlaubnis für das filmen in Bundeswehr-Kasernen bekam, filmte er von außen in Kasernen und Militärübungsplätze | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Letztlich hat die Bundeswehr „Der Tag des Spatzen“ nicht unterstützt – was hatten die Militärs für Einwände?

Die Sitzung – das wussten wir vorher auch nicht – wurde von einem Vertreter der Presseabteilung der Bundeswehr, der das Treffen auch organisiert hat, mit verfolgt und bewertet. Der Pressevertreter sollte dem Verteidigungsministerium eine Empfehlung aussprechen, ob der Film durch die Bundeswehr unterstützt werden solle oder nicht. Seine Empfehlung und unser komplettes Drehbuch wurden dann ans Ministerium übergeben. Aufgrund der Diskussion in Bonn haben wir das Drehbuch vor der Übergabe sogar nochmals überarbeitet, da wir von der Offenheit der Diskussion so überrascht waren. In das Drehbuch haben wir zwei Szenen integriert, die die lebhafte Diskussion in Bonn darstellen sollten: dass auch die Soldaten untereinander keine einheitliche Meinung zu den Militärmissionen haben und kontrovers darüber diskutieren. Die Bundeswehr hätte im Film relativ viel Platz gehabt, ihre Sichtweisen darzustellen.

 

Der abgelehnte Antrag zur Film-Unterstützung durch die Bundeswehr lief also ohne jedes Formblatt ab?

Ich glaube wir waren da eine Ausnahme, da wir kein journalistisches Projekt sind. Es ist etwas anderes, wenn ich eine Reportage über Afghanistan machen will, da laufen die Sachen bei der Bundeswehr anders ab. Da gibt es ja Trainingscamps für Journalisten in denen sie auf alle möglichen Krisensituationen vorbereitet werden, die Armee gibt ggf. Unterstützung beim Transport des Teams und des Equipments z.B. nach Afghanistan und stellt Berater zur Seite. „Der Tag des Spatzen“ ist ein künstlerisches Filmprojekt, das von der Bundeswehr auch nur schwer einschätzbar war. Es war keine Reportage, es war kein Spielfilm sondern ein künstlerischer, essayistischer Ansatz. Das Projekt wirkte auf die Bundeswehr wohl sehr unkalkulierbar. Das ist vielleicht einer der Gründe warum sie die Unterstützung abgelehnt haben. Aber ich kann da nur spekulieren. Später haben wir übrigens erfahren, dass der Vertreter der Presseabteilung, der sein Votum über unser Projekt ans Verteidigungsministerium abgeben sollte, für uns gestimmt hat. Er war für eine Unterstützung des Film-Projekts. Die höher angeordnete Ebene im Verteidigungsministerium, die nicht bei der Diskussion in Bonn dabei war, sondern nur die positive Empfehlung und unser Drehbuch hatte, hat das Projekt dann in einer kurzen E-Mail abgelehnt. Da war die ganze Mühe – auch die der Leute der Bundeswehr – dahin. Die Ablehnung kam von der übergeordneten, politisch denkenden Stelle. Die unteren und eher lokal verorteten Menschen bei der Bundeswehr erschienen uns wesentlich offener als die, die die politische Pressearbeit der Bundeswehr von Berlin aus koordinieren.

 

War dies das Ende Ihres Versuchs, die Bundeswehr für das Filmprojekt zu gewinnen?

Wir wollten natürlich wissen, woran die Ablehnung der Projektunterstützung denn nun genau gelegen hat und sind in eine langwierige Diskussion mit der zuständigen Pressesprecherin im Verteidigungsministerium getreten: per E-Mail, per Telefon und haben immer wieder hin- und her-kommuniziert, um noch etwas für unseren Film zu retten. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass das Ministerium uns nur noch einen Dreh auf einem Truppenübungsplatz an der Ostsee erlauben wollte. Wie es die Sprecherin selber ausgedrückt hat, war dies ein „good-will“-Angebot an uns, weil das Verteidigungsministerium selbst der Meinung war, dass es alles irgendwie schief gelaufen ist.

Uns wurde gesagt, dass das Treffen in Bonn eigentlich nur wegen einem Versehen zu Stande gekommen sei und – wäre unser erstes Schreiben auf dem richtigen Schreibtisch gelandet – ein solches Treffen gar nicht erst stattgefunden hätte. Das „good-will“ Angebot, also der Drehtermin am Übungsplatz wurde uns schließlich in einer E-Mail nochmal bestätigt, wir hatten uns darauf eingestellt und alles vorbereitet. Kurz bevor es dann aber zu dem Termin kam, bekamen wir an einem Freitag gegen 17.30 Uhr eine E-Mail vom Verteidigungsministerium. Darin  stand, dass nach nochmaliger Prüfung auch der schon vereinbarte Dreh nicht genehmigt werden könne. Richtig klassisch: um die Uhrzeit erreichte man beim Militär niemanden mehr und am nächsten Montag erfährt man dann, dass die Person, die die E-Mail geschrieben hat, in den Urlaub gefahren ist. Da wurden wir dann doch sauer. In Gesprächen wurde uns später nochmal deutlich gesagt, dass die Ablehnung der Unterstützung nicht aufgrund formeller Dinge zustande kam. Das hätte uns auch gewundert, da wir sehr kompromissbereit waren und beispielsweise anboten, statt einfach so während einer Übung auf einem Militärübungsplatz zu drehen einfach bei einem öffentlich zugänglichen „Tag der offenen Tür“ unsere Kameras aufzustellen – selbst das wurde uns aber untersagt. Es wurde uns deutlich gemacht, dass die Bundeswehr nicht in unserem Film auftauchen wollte, wenn es um ihr eigenes Selbstverständnis und ihrer eigenen Arbeit ging. Also eine klar inhaltliche Begründung der Ablehnung.

 

Strand neben Bundeswehr-Gelände

Schön am Strand und nebenan übt die Bundeswehr für ihre Auslandseinsätze | Quelle: Philip Scheffner/pong

 

Folgt daraus nicht im Umkehrschluss, dass die Bundeswehr nur unkritische Filme unterstützt?

So einfach kann man das nicht sagen. Beispielsweise gibt es mittlerweile einige Dokumentar- und Spielfilme über traumatisierte deutsche Afghanistan-Heimkehrer. Diese Filme wurden meinem Wissen nach teilweise durchaus von der Bundeswehr unterstützt. Z.B. durch wissenschaftliche Berater etc.. Anders lassen sich ja solche Filme auch sehr schwer realisieren – das heißt aber nicht automatisch, dass sie deswegen unkritisch sein müssen. Auch die Unterstützung eines kritischen Films über die Armee kann aus Sicht der Bundeswehr Sinn machen, zum Beispiel wenn sie sich dadurch als gesprächsbereit präsentieren kann und zeigt, dass sie sich auch bei Kritik nicht versteckt. Es kann also durchaus im Sinne der Bundeswehr sein, sich in einem kritischen Beitrag zu äußern. Interessant ist, dass die Bundeswehr zur Verfügung steht, wenn es um Fachwissen beispielsweise zum Einsatz in Afghanistan geht. Wenn es aber um das eigene Selbstbild geht, und damit um Grundfragen der (Selbst-)Definition der Bundeswehr und ihrer Rolle in der Gesellschaft Unterstützung zu gewinnen.

 

Was hat sie an der Argumentation mit der Bundeswehr am meisten beeindruckt?

In unseren Gesprächen mit der Bundeswehr ist ein Satz gefallen, der mich sehr irritiert hat: die Pressesprecherin hat uns gefragt, ob wir denn irgendeine „Firma“ kennen würden, die sich so in die eigenen Karten gucken lassen würde wie wir es mit unserem Film versuchen würden. Damit versuchte sie zu begründen warum die Bundeswehr nicht über sich selbst sprechen will. Wenn die Bundeswehr sich selbst als eine normale „Firma“ ansieht, hört es meiner Meinung nach auf. Die Bundeswehr ist eine staatliche Organisation, bei der die Öffentlichkeit ein Auskunftsrecht besitzt. Die Bundeswehr ist eine Armee und kein Unternehmen. Das ist wohl genau das Problem: Hätten wir einen Film über die Bundeswehr in Afghanistan gemacht, wären wir wohl eher unterstützt worden. Wenn man aber die Bundeswehr selbst thematisiert, ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zu den neuen Auslandseinsätzen, kommt man in einen Bereich, um den auch innerhalb der Armee gerungen wird. Diese Diskussion soll nicht nach außen getragen werden und die Bundeswehr will darüber nicht öffentlich sprechen. Und dies sieht man auch im Film. Ich glaube diese Haltung ist sehr symptomatisch für die (Nicht-)Diskussion um die Veränderungen der Zielsetzung der Bundeswehr und ihren gesellschaftlichen Auftrag.

Interview: Michael Schulze von Glaßer