Archive for the 'Fernsehen' Category

War isn’t what?

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: wer sich für die Darstellung des Militärs in der Öffentlichkeit und vor allem in den Medien interessiert, für den ist der 2009 erschienene Sammelband „War Isn’t Hell, It’s Entertainment – Essays on visual media and the representation of conflict“ ein Pflichtkauf. Herausgegeben wurde dieses herausragende, 283 Seiten starke Buch von den vier Wissenschaftlern Rikke Schubart (Literaturwissenschaftlerin in Dänemark), Fabian Virchow (Professor für Politikwissenschaften an der FH Düsseldorf), Debra White-Stanley (Filmwissenschaftlerin aus den USA) und Tanja Thomas (Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der Universität Lüneburg).

Die fünfzehn im Buch versammelten Aufsätze internationaler Wissenschaftler sind inhaltlich in drei Kategorien gegliedert: im „Part One. The Public War Body“ geht es vor allem um die Darstellung des Militärischen in der Öffentlichkeit, Fabian Virchow zeigt in seinem Beitrag etwa, wie die Bundeswehr mit Sportveranstaltungen um neuen Nachwuchs wirbt. „Part Two. War and Entertainment“ behandelt Filmproduktionen, in denen Militär dargestellt wird. Und der letzte Teil des Buchs „Part Three. Playing at War“ behandelt militärische Videospiele. Dabei ist vor allem der Beitrag „The Political Battlefield of Pro-Arab Video Games on Palestinian Screens“ von Helga Tawil-Souri, die an der Universität von New York Kommunikationswissenschaft lehrt, extrem lesenswert. Denn ein Einblick in arabische First-Person-Shooter ist in westlichen Ländern nicht einfach zu bekommen. Und so sollte sich der am Thema Interessierte überwinden diesen und auch die anderen alle in Englisch geschriebenen Aufsätze zu lesen – wer nun neugierig geworden ist kann einige Buchteile bei Google-Books nachlesen.

Michael Schulze von Glaßer

Action-Video der Bundeswehr

Die Bundeswehr hat auf ihrem YouTube-Channel vor wenigen Tagen ein PR-Video veröffentlicht, das für Furore sorgte: „Dieses Video stellt eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar. Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr“, wird Agnieszka Malczak, Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für Abrüstungspolitik im Medien-Portal “Meedia” zitiert. Die Bundeswehr hat das Video mittlerweile aus dem Netz genommen – Kopien davon sind aber noch zu finden. (svg)

PR-Schlacht um die Shooter-Krone

Das Ende Oktober erschienene Videospiel „Battlefield 3“ von „Electronic Arts“ schickt sich an den bisherigen Platzhirsch im Genre der First-Person-Shooter – die „Call of Duty“-Reihe von „Activision“ – zu verdrängen. Es tobt eine PR-Schlacht. Electronic Arts griff dabei jüngst auch zu zweifelhaften Methoden und warb mit einem echten Kampfflugzeug, mit Panzern und echten Söldnern für „Battlefield 3“. Activision wirbt für das am 8. November erscheinende „Call of Duty: Modern Warfare 3“ traditioneller – zumindest in Deutschland.

In der Bundesrepublik setzt Activision bisher vor allem auf Werbung in Massenmedien. Ein Trailer von „Modern Warfare 3“ wurde erstmals am 28. Mai diesen Jahres während der Halbzeitpause des UEFA-Champions League-Finales im Fernsehen ausgestrahlt. Ein neuerer Werbespot fand seine Ausstrahlung u.a. am 2. November in der Halbzeitpause des Champions-League Fußballspiels FC Bayern gegen SSC Neapel auf dem Fernsehsender Sat1 (1. Halbzeit: 6,93 Millionen Zuschauer, Marktanteil 20,4 Prozent; 2. Halbzeit: 8,26 Millionen Zuschauer, Marktanteil 28,4 Prozent). Auch beim einen Tag später stattgefundenen UEFA Europa League-Spiel FC Schalke 04 gegen AEK Larnaka wurde der Werbespot in der Halbzeitpause gezeigt.

Bandenwerbung für das neue "Call of Duty"-Spiel | Quelle: Sat1

Der kurze Spot zeigt Szenen aus dem Videospiel: Militärfahrzeuge und vom Krieg zerstörte Städte und Gebäude, dazu der Kommentar (mit der Stimme der Spielfigur Captain Price): „Die Welt wie wir sie kennen steht am Abgrund. Wie weit würdest du gehen um Sie zu retten?“ Nicht nur in der Halbzeitpause sondern auch während des Schalke-Spiels wurden die Fernsehzuschauer und auch die Stadionbesucher auf das neue Videospiel aufmerksam gemacht: mit „Call of Duty“-Bandenwerbung. Activision kann aber auch anders.

In der Halbzeitpause wurde das Videospiel mit einem Werbespot beworben, während des Spiels mit großflächiger Bandenwerbung | Quelle: Sat1

In Los Angeles fand vor wenigen Monaten die „Call of Duty XP“ statt – ein Promotion-Event bei dem eine frühe Version von „Modern Warfare 3“ gespielt werden konnte. Ein Video des Spiele-Magazins GameStar gibt einen Eindruck von der Werbemesse: echte Militärfahrzeuge waren ausgestellt, Waffennachbildungen konnten besichtigt werden oder selbst mit Paintball-Waffen auf Zielscheiben geschossen werden. Auch ein Haus konnte in Manier des Militärs gestürmt werden.

Auch auf der weltgrößten Videospiele-Messe - der "Gamescom" in Köln - wurde im August 2011 für "Call of Duty" geworben. Allerdings "nur" mit einem riesigen Stand | Quelle: Michael Schulze von Glaßer

Die Werbeschlacht zwischen Electronic Arts und Activision ist in vollem Gange. Wer am Ende die Nase vorn hat, die meisten Spiele verkauft und den größten finanziellen Gewinn verbuchen kann wird sich wohl erst in einigen Monaten zeigen. Dagegen lässt sich schon jetzt sagen, dass die Werbekampagnen sowohl von „Battlefield 3“ als auch von „Modern Warfare 3“ die Grenze zwischen virtueller und realer Welt überschreiten: für beide Spiele wird mit echtem Militär geworben. So dürfen sich auch die Hersteller nicht wundern, wenn ihre Spiele als „Ballerspiele“ verschrien sind.

Michael Schulze von Glaßer

Antikriegs-Komödie von ProSieben

Der private Fernsehsender hat für heute den Drehbeginn für eine “Antikriegs-Komödie” mitgeteilt:

Martin (Constantin von Jascheroff) übernimmt für seinen besten Freund Maddel (Martin Walde), einen Auslandseinsatz bei der Bundeswehr – eine Schnapsidee, geboren an einem alkoholreichen Abend. Martin landet in Shiavo, einem eher ruhigen Teil des Krisengebiets. Ein Glück, denn seinen Grundwehrdienst hat der Mittzwanziger natürlich nie absolviert. Bei seinen Kameraden, dem Waffennarr Tier (Wilson Gonzales Ochsenknecht), dem naiven Nobbie (Arnel Taci) und dem wortkargen Horstie (Daniel Zillmann) kann der „Frischling“ wegen seiner coolen Sprüche und des Talents, Alkohol jederzeit zu organisieren, schnell punkten. Nur bei Nina (Jessica Richter) kann er nicht landen, obwohl er alles tut, um ihr zu imponieren. Das Leben ist eben kein Computerspiel. Das merkt Martin spätestens, als Schüsse knallen und Granaten explodieren …

Weitere Informationen dazu gibt es hier in einer Pressemitteilung von ProSieben. (svg)

Dreharbeiten für ARD-Spielfilm “Auslandseinsatz” beginnen

ARD und WDR  arbeiten an einem neuen Film der den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr thematisiert:

Daniel und Ronnie sind Freunde seit Kindertagen. Jetzt gehen sie gemeinsam mit dem gebürtigen Afghanen Emal als Zeitsoldaten an den Hindukusch. Ihr Auftrag: den Wiederaufbau im Norden Afghanistans zu unterstützen, durch humanitäre Hilfe Stabilität schaffen, dazu beitragen, dass sich demokratische Strukturen etablieren können. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Was es bedeutet, in eine Region zu gehen in der Krieg herrscht, das wird den jungen Soldatinnen und Soldaten erst nach und nach bewusst. Schnell müssen sie sich in der ihnen völlig fremden Welt zurechtfinden und die richtigen Entscheidungen treffen. Die Aufbauhilfe vor Ort droht am Einfluss der Taliban zu scheitern. Immer mehr stellt sich die Frage nach dem Sinn ihres Einsatzes. In der Extremsituation des Krieges steht die Freundschaft von Daniel und Ronnie vor einer Zerreißprobe …

Der Spielfilm soll 2012 erstmals gesendet werden. Weitere Informationen gibt es hier in der Pressemitteilung des WDR. (svg)

Feldzug auf den Rechnern

Der Armee fehlt der Nachwuchs. Also wirbt sie dort, wo sich junge Menschen tummeln: im Netz, mit Youtube, Facebook und eigenen Foren. Doch die Web-Offensive ist umstritten

“Taliban töten“, „Afghanistan killing“ oder auch „Zivilisten töten in Afghanistan“: Wer bei You­tube nach einer dieser Wortkombinationen gesucht hat, bekam noch vor wenigen Wochen Werbung der Bundeswehr zu sehen. Die Armee hatte sich bei der populären Videoplattform für rund eine Million Euro entsprechende „AdWords“-Werbung gekauft: Tippt man bestimmte Wörter in die Suchmaske ein, erscheint als erstes Suchergebnis ein Werbevideo. Eigentlich eine kluge Idee, hätte die Armee nur die richtigen Suchwörter gekauft.

Um solche Missgeschicke im Netz zukünftig zu vermeiden, hat die Bundeswehr im Juni zum zweiten Mal den Kongress „Govermedia“ veranstaltet – an der Armee-eigenen „Akademie für Information und Kommunikation“ (AIK) in Strausberg. Militärs trafen auf Medienexperten, um sich über aktuelle Trends im Internet zu informieren. Auch Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl gab der Bundeswehr bereitwillig Nachhilfe-Unterricht. Fazit der Konferenz: Die Armee hat große Defizite, wenn es darum geht, das Internet für Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchsgewinnung zu nutzen. Zu wenig Zeit, zu wenig Personal, zu wenig Geld. Jetzt soll radikal gegengesteuert werden. Schließlich müssen nach dem Ende der Wehrpflicht Freiwillige geworben werden – und die Auslandseinsätze machen die Bundeswehr als Arbeitgeberin auch nicht gerade attraktiver.

 

Einseitige Videos

Nun beginnt die große Web-Offensive: Seit Anfang Juli ist klar, dass die Bielefelder Werbeagentur „Pixelpark“ ein neues Kommunikationskonzept für Bundeswehr und Verteidigungsministerium erstellen soll. Neben den offiziellen Internetseiten sollen auch die Auftritte in sozialen Medien wie Facebook neu gestaltet werden. „Mit dem Konzept von Pixelpark legen wir den Grundstein für eine dialogorientiertere und verbesserte bürgernahe Kommunikation über alle heute relevanten Kanäle“, sagt Jörg Jacobs von der AIK der Bundeswehr.

Bereits auf der ersten „Govermedia“ im letzten Sommer hat sich die Bundeswehr fit gemacht für die Generation Internet. Nach der Veranstaltung stieg die Armee bei Youtube ein – mit einem so genannten „Premium-Channel“. Claudia Nussbauer, Sprecherin des Verteidigungsministeriums, beschreibt die Ziele: „Wir wollen den Bürgern einen Einblick in die tägliche Arbeitswelt der Soldaten und zivilen Angestellten der Bundeswehr ermöglichen und zeigen, dass die Bundeswehr eine moderne, leistungsstarke und zukunftsorientierte Organisation ist, die als Arbeitgeber attraktive berufliche Chancen und Möglichkeiten bietet.“ Dementsprechend einseitig sind die Videos. Zwar finden sich unter den hunderten Clips auch Berichte von Auslandseinsätzen, umfassende oder gar kritische Kurzfilme fehlen aber.

 

Illegaler Staatsrundfunk?

Das Bespielen des Youtube-Kanals ist auch aus einem anderen Grund umstritten: Die Leitung hat nämlich das Armee-Fernsehen BundeswehrTV (bwTV); die politische Richtung des Senders gibt das Verteidigungsministerium vor. Zahlreiche Youtube-Videos wurden von bwTV produziert, obwohl Rundfunk einer staatlichen Behörde in Deutschland verboten ist. BundeswehrTV kann deswegen in Kasernen auch nur über spezielle Decoder empfangen werden. Beim Youtube-Kanal der Bundeswehr ist alles öffentlich – über 16.000 Menschen haben die Videos abonniert.

Auch nach der diesjährigen „Govermedia“ hat die Bundeswehr gelernt: Seit wenigen Tagen ist die Armee offiziell bei Facebook unterwegs. Zwar gibt es in dem sozialen Netzwerk bereits seit längerer Zeit www.facebook.com/Bundeswehr, eine Seite mit über 30.000 Fans. Diese wird jedoch von Privatleuten geführt. Die Betreiber boten der Bundeswehr die Übernahme an – doch die lehnte ab. Warum? Unklar. Stattdessen erstellten die Bundeswehr-Werber eine neue Seite. Nun beantworten Wehrdienstberater die Fragen der Facebook-Nutzer über Laufbahnen in der Bundeswehr.

 

Kritik von “Terre des hommes”

Im Zwitschern ist die Bundeswehr auch nicht besonders kreativ: Bei Twitter verweist die Armee auf neue Artikel der Bundeswehr-Website. Dazu noch der passende Link – fertig ist die Kurznachricht.

Für die Nachwuchsrekrutierung betreibt die Bundeswehr schon länger die Internetseite www.treff.bundeswehr.de. Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 17 Jahren. Weil das Militär hier Minderjährige anwirbt, ist die Website Kinderrechtlern schon lange ein Dorn im Auge. „Dass sich die Website explizit an unter 18-Jährige richtet, ist nicht in Ordnung“, sagt Athanasios Melisses von „Terre des hommes“.

 

Alle Infos zur Rekrutierung

Die bunte Seite bietet vor allem Unterhaltung: Spiele, Handy-Logos, Bildschirmschoner. Außerdem kann man sich bequem die neuesten Militärposter und die Armee-Jugendzeitung „infopost“ bestellen – alles kostenlos, bezahlt aus Steuergeldern.

Daneben gibt es auf der Seite eine eigene Online-Community mit 30.000 Mitgliedern. Wer dort angemeldet ist, kann in nach außen geschlossenen Foren über die Bundeswehr und ihre Einsätze diskutieren. Wehrdienstberater und andere Bundeswehr-Angestellte greifen jedoch immer wieder ein und bestimmen so meist den Verlauf der Diskussionen.

Um in die Community aufgenommen zu werden, muss man für die Bundeswehr als potentieller Soldat interessant sein. Wer älter als 21 Jahre ist, darf nicht rein. Außerdem wird in dem Beitrittsformular neben Name und Adresse auch die Staatsangehörigkeit, der „angestrebte oder erreichte Schulabschluss“ und das voraussichtliche Ausbildungsende abgefragt – eben alles, was die Bundeswehr später zur Rekrutierung der jungen Leute wissen muss.

 

“Die Bundeswehr wirbt immer für Krieg”

Für die Älteren gibt es weniger Unterhaltung, dafür mehr Informationen über Laufbahnen beim Militär. Die Website www.bundeswehr-karriere.de vom Personalamt der Armee richtet sich an junge Erwachsene bis zum Alter von 25 Jahren. Über die Seite lässt sich direkt Kontakt zum nächsten Wehrdienstberater herstellen.

Das Internet wird das nächste Schlachtfeld der Bundeswehr. Die Armee wird in Zukunft verstärkt dort werben, wo sich die Rekrutinnen und Rekruten von Morgen tummeln: im Netz. „Dass die Bundeswehr nun auch ins Internet einmarschiert, ist nur logisch“, sagt Ulla Jepke, Innenpolitikerin der Linkspartei. „Sie lauert Kindern und Jugendlichen überall dort auf, wo diese sich vorzugsweise aufhalten.“ Monty Schädel von der Deutschen Friedensgesellschaft warnt, man dürfe sich nicht von den Internetangeboten der Bundeswehr täuschen lassen, die Informationen dort seien „einseitige Propaganda“. „Die Bundeswehr gibt sich modern, aber letztlich wirbt sie immer für Krieg.“

Michael Schulze von Glaßer

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Wochenzeitung “der Freitag”.

Übermenschliche US-Soldaten?

Die US-Army wirbt mit dem neuen „X-Men“-Kinofilm um neue Rekruten. Ein neuer Höhepunkt der zweifelhaften US-Rekrutenwerbung.

Lange Jahre hatte die US-Army massive Probleme genügend Rekruten für ihre Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan zu finden. Die Situation änderte sich erst mit der Wirtschaftskrise 2009. 170.000 Freiwillige meldeten sich in ihrer Not auf der Suche nach Arbeit 2008 und 2009 für den Militärdienst – ein Ansturm den es seit gut 35 Jahren nicht mehr gab. Mit dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise wird es wieder schwerer genügend Nachwuchs für die Streitkräfte zu rekrutieren. Die US-Army reagiert darauf mit massiven Werbemaßnahmen.

Bisher wurden Kindern und Jugendlichen in Werbespots der US-Armee ruhmreiche Spaßabenteuer als Soldaten im Auslandseinsatz präsentiert. Nun scheinen die US-Rekrutierer aber jegliche Nähe zur Realität verloren zu haben: die neueste Kampagne der US-Army lehnt sich an den Anfang Juni weltweit in den Kinos angelaufenen Comic-Actionfilm „X-Men: Erste Entscheidung“ an. Der Film handelt von mutierten Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Mutanten haben etwa Selbstheilungs-Fähigkeiten oder besitzen enorme Kräfte. In einem 30-sekündigen Werbespot der US-Armee wechseln sich Szenen aus dem Kinofilm mit denen echter US-Soldaten ab. Der mit Fanfaren-Musik unterlegte Sprechtext dazu: „Helden – einfach Leute die herausfinden, dass sie außergewöhnliche Dinge machen können. Mit einzigartigen Talenten und Stärken. Sie stehen beisammen als eine Elite-Einheit. Es ist mehr als eine Uniform. Es ist die Chance Teil etwas Größerem zu sein, das man sich je hätte vorstellen können.“ Am Ende des Werbespots wird auf die Facebook-Seite der US-Militärwerber verwiesen. Dort findet sich ein exklusiver Hintergrund-Kurzfilm zu „X-Men: Erste Entscheidung“ – daneben natürlich allerlei Informationen über den Dienst in den Streitkräften. Auf der offiziellen „X-Men“-Website zum Film findet sich wiederum ein Link zur goarmy.com-Rekrutierungswebsite der Armee.

Mutantin bei X-Men

Standbild aus dem Werbespot der US-Army: eine Mutantin beim Training | Quelle: US-Army

Die Superhelden-Werbung ist ein neuer zweifelhafter Höhepunkt der US-Army neuen Nachwuchs zu gewinnen. Bereits seit Jahren werben die US-Streitkräfte mit äußerst fragwürdigen Methoden: an über 3.400 Middle- und Highschools gibt es für Schüler etwa ein so genanntes „Junior Reserve Officers Training Corps“ (JROTC). Kinder und Jugendlichen lernen dabei in Uniform nach militärischem Standard zu marschieren und sogar den Umgang mit Waffen. 30 bis 50 Prozent der JROTC-Teilnehmer schreiben sich laut US-Armee anschließend bei den Streitkräften ein. An Colleges und Universitäten gibt es über 2.400 solcher Programme aus denen ein Großteil der späteren Offiziere und Generäle gewonnen wird. 2002 wurden zudem alle Schulen durch das von der Bush-Administration erlassene „No Child left behind“-Gesetz, welches eigentlich die Chancengleichheit im Bildungsbereich sicherstellen sollte, dazu verpflichtet die persönlichen Daten der Schüler an die US-Army weiterzugeben. Die gesammelten Adressen werden genutzt um den jungen Leuten Werbung für den Dienst im Militär zukommen zu lassen.

Soldat beim Training

Einige Sekunden nach der Mutantin ist in dem Werbespot ein US-Soldat beim Training zu sehen | Quelle: US-Army

Neben den Aktivitäten an Schulen tourt die Armee mit „Adventure-Vans“, in denen Wehrdienstberatungen stattfinden, sowie mit „Cinema-Trucks“, in denen Werbefilme gezeigt werden, durch die USA. Herausragend ist der „Virtual Army Experience“-Schießsimulator, den die Armee bei öffentlichen Großveranstaltungen wie Musik-Festivals oder dem „Spring-Break“ aufbaut. In einem großen Zelt können sich die potentiellen Rekruten dabei in reale Militärfahrzeuge setzen und mit Waffennachbildungen auf an Leinwände projizierte, virutelle Gegner schießen. Vor dem Spiel gibt es in einem nachgebauten Kommandostand eine Einsatzbesprechung. Die US-Army soll dabei schon 11-Jährige in den Simulator lassen.

Das kosteneffektivste Rekrutierungswerkzeug ist laut US-Werbern aber das von der Armee entwickelte Videospiel „America’s Army“. Seit 2002 erschienen drei Teile des kostenlosen First-Person-Shooters. Die US-Army verzeichnet mehr als 8 Millionen registrierte User, die in Teams über das Internet gegeneinander antreten. Das Ziel des Spiels ist simpel: die gegnerischen Spieler töten. Dabei sehen sich beide Teams selbst als US-Soldaten, das jeweils andere Team wird als arabische Terroristen oder Aufständische dargestellt, so dass im Endeffekt niemand einen Araber spielt, diese aber für User immer die Feinde darstellen. Auch die Schauplätze in „America’s Army“ ähneln Afghanistan sowie dem Irak und damit dem aktuellen Einsatzgebiet der US-Armee. Bei der Darstellung von Verletzungen und Tod hört der Realismus des Videospiels allerdings auf – mit der Blut wird gespart, ebenso mit Rufen und Todesschreien im Videospiel verwundeter Soldaten.

Screenshot der Go-Army Facebook Seite

Screenshot der "Go Army"-Facebook-Seite | Quelle: US-Army/Facebook

Unterhaltungsmedien sind schon seit langem Träger von Armeewerbung. Der 1986 ausgestrahlte Kinofilm „Top Gun“ war einer der ersten von der US-Army unterstützten Produktionen. Der Militärfilm sorgte für einen Ansturm auf die Pilotenausbildung der Air Force. Heute kommt kaum ein großer Action-Kinohit aus Hollywood ohne die Unterstützung des Militärs aus. Das Pentagon betreibt sogar ein eigenes Büro in dem die Unterstützung von Filmproduktionen geregelt wird – dabei werden natürlich nur Filme unterstützt, die das Militär in gutem Licht erscheinen lassen. Dazu greift die US-Army sogar direkt in die Drehbücher ein.

Die US-Army setzt auf der Suche nach neuem Nachwuchs schon lange zweifelhafte Methoden ein: sie bildet Kinder und Jugendliche paramilitärisch aus, versetzt Spieler mit einem kostenlosen First-Person-Shooter in die Einsatzländer der US-Army und unterstützt nur ihr wohl gesonnene Filmproduktionen. Bisher orientierte sich die Militärwerbung aber zumindest an der Realität. Im neuen „X-Men“-Werbespot legt die US-Army nahe, dass aus dem anziehen der Soldaten-Uniform übermenschliche Superkräfte entspringen. Die Realität sieht freilich anders aus: über 7.000 US-Soldaten sind mittlerweile im Irak und in Afghanistan gefallen, rund 20 Prozent der US-Soldaten werden im Einsatz traumatisiert. Die jungen Leute, die sich von der Superhelden-Werbelüge täuschen lassen werden spätestens im Einsatz fern der Heimat merken, wie verwundbar sie sind. Doch dann ist es für viele meist schon zu spät.

Michael Schulze von Glaßer

Soldaten-Traumata in Filmen – keine Werbung für die Bundeswehr?

Die Fälle posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) bei Bundeswehr-Soldaten nehmen zu –Rund zwei Prozent aller deutschen Bundeswehrsoldaten, die im Jahre 2009 am Auslandseinsatz in Afghanistan im Rahmen der ISAF-Mission teilgenommen haben, kehrten mit PTBS aus dem Einsatz zurück. Die kranken Soldaten sind mittlerweile ein beliebtes Thema in Spielfilmen, die teilweise sogar von der Bundeswehr unterstützt werden. Doch warum hilft die Armee bei Filmprojekten über die Kehrseite des Soldat-seins?

Im Februar 2008 startete der Film „Nacht vor Augen“ in deutschen Kinos. In der Produktion der Firma noirfilm, die vom SWR und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mit mehreren Hunderttausend Euro finanziert wurde, geht es erstmals in einem Spielfilm um einen traumatisierten Afghanistan-Heimkehrer.[1] Pikant bei diesem Film, der nicht von der Bundeswehr unterstütz wurde: das Trauma des deutschen Soldaten stammt von der Erschießung eines achtjährigen afghanischen Jungen, der einen Anschlag auf die Armee-Einheit des Soldaten durchführen wollte. Dafür bekommt der Soldat David Kleinschmidt im Film sogar eine Ehrenmedaille von der Bundeswehr, muss über den Vorfall jedoch Stillschweigen bewahren, da die Erschießung eines Kindes in der Öffentlichkeit natürlich nicht gut ankommen würde. Die posttraumatischen Belastungsstörungen treiben den Heimkehrer jedoch ins gesellschaftliche Abseits. Die Lage eskaliert, als er mit seinem Halbbruder, der noch ein Kind ist, Kriegsspiele im Wald spielt und ihn zu Gewalt anstachelt. Letztlich wird Soldat Kleinschmidt, der sich seine Erkrankung trotz Bettnässens nicht eingestehen will, von der Polizei überwältigt und zur Behandlung in ein Bundeswehr-Krankenhaus eingewiesen.

"Nacht vor Augen"-Film

Ein ehemaliger Soldate zerbricht an seinem Trauma - Standbild aus "Nacth vor Augen" | Quelle: noirfilm

Auch wenn es im Film von Brigitte Maria Bertele als Notwehr dargestellt wird, stellt die Erschießung eines Achtjährigen durch einen Bundeswehr-Soldaten ein Novum im deutschen Film dar. Auch die Vertuschung des Vorfalls lässt die Bundeswehr in schlechtem Licht erscheinen. In der „Darstellung der Bundeswehr ist der Film geradezu diffamierend“, meint Stephan Löwenstein, Rezensent und Verteidigungsexperte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[2] Trotz der Abneigung einiger Bundeswehr-freundlicher Kräfte gegen den „Nacht vor Augen“-Film führte eben diese erstmalige Thematisierung von PTBS im Kino zur Gründung der Internetplattform  „angriff-auf-die-seele“, die sich um traumatisierte Bundeswehr-Soldaten kümmert.[3] Das Medienecho und die politische Bedeutung von „Nacht vor Augen“ reichen aber bei weitem nicht an die eines anderen Films zum Thema heran: den SWR-Spielfilm „Willkommen zuhause“.

Der von der Bundeswehr unterstützte Spielfilm „Willkommen zuhause“ brachte eine so in Deutschland wohl noch nie da gewesene  Kampagne mit sich. Nach mehrmaliger Verschiebung lief der Film am Montag, dem 2. Februar 2009 zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im ARD. Nach dem Film brach eine – vor allem von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen vorangetriebene – Medienflut über den Inhalt des Films los, die letztlich in einen im Bundestag behandelten Antrag mündete. Man wird den Eindruck nicht los, dass es sich dabei um eine lang geplante Inszenierung einer öffentlichen Diskussion handelt. Aber von vorn.

"Willkommen zuhause"-Film

Zurück in Deutschland doch mit den Gedanken noch immer im Einsatz - Standbild aus "Willkommen zuhause" | Quelle: SWR

Vom 12. November bis 17. Dezember 2007 liefen die Dreharbeiten des 86 Minuten lange „Willkommen zuhause“-Films. Das Drehbuch schrieb der Journalist und Regisseur Christian Pfannenschmidt, Regie führte Andreas Senn. Thema des Films ist das Trauma eines jungen Bundeswehr-Soldaten und Afghanistan-Heimkehrers: scheinbar unverletzt landet Soldat Ben Winter in Deutschland und wird von seiner Frau und seinen Eltern am Flughafen empfangen. Statt vier war der deutsche Soldat nur drei Monate in Afghanistan, da er ein Attentat überlebte und danach zurückgeschickt wurde. Ein Kamerad und guter Freund von Soldat Winter wurde bei dem Attentat getötet – nur einem Zufall war es zu verdanken, dass Winters Freund und nicht er selbst aus dem Bundeswehr-Unimog ausgestiegen war. Zurück in Deutschland wird Ben Winter immer unberechenbarer: er verprügelt bei einem Trauma-Anfall einen Freund, ist unfähig über das Geschehene zu reden und isoliert sich – er leidet an einer posttraumatischer Belastungsstörung, die er sicher aber lang nicht eingestehen will. Erst die Begegnung mit einer Nachbarin – mit der er seine schwangere Freundin Tine betrügt – wendet das Blatt. Sie macht ihm klar, dass er Hilfe braucht. Nach einem weiteren Trauma-Anfall sieht Winter dies ein und lässt sich im Bundeswehrkrankenhaus behandeln. Der Militärarzt macht dem Soldaten klar, dass der Tod seines Freundes nicht seine Schuld war. Der Soldat Ben Winter am Ende des Films: „Meine Therapie geht zu Ende, es geht mir besser. Aber ich werde lernen müssen mit meinem Trauma zu leben.“ Die letzten drei Minuten des Spielfilms nehmen Ausschnitte politischer Reden ein: Gerhard Schröder und Joschka Fischer bei der Pressekonferenz zum Marschbefehl der Bundeswehr nach Afghanistan; der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) bei seinem legendären „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“-Satz; Angela Merkel bei den Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. Am Ende des Spielfilms ist wieder alles gut, die kurze Schlussszene zeigt Ben Winter mit seiner hochschwangeren Freundin, er kann endlich über das Geschehene sprechen. In der Pressemappe zum Film heißt es:

 

„‚Willkommen zuhause‘ ist der erste deutsche Fernsehfilm, der sich mit dem zurzeit brennend aktuellen Thema der Folgen von Friedensmissionen der Bundeswehr für die rückkehrenden Soldaten auseinandersetzt. Intensiv und realistisch thematisiert das Drama die Überforderung eines jungen Soldaten, dessen Psyche mit den Erlebnissen im Krisengebiet nicht fertig wird. Und die Überforderung seiner heimatlichen Umgebung, die in ihrer friedlichen Alltäglichkeit nicht damit rechnet, sich mit Kriegsfolgen auseinandersetzen zu müssen. Der Ort Deidesheim [in dem der Film handelt] wird damit zu einem Spiegel der bundesdeutschen Gesellschaft, die Strategien für die Integration von traumatisierten Soldaten entwickeln muss.“

 

Am Tag nach der Ausstrahlung nahm der Deutsche Bundeswehrverband zum Film Stellung:

 

„Der Fernsehfilm ‚Willkommen zuhause‘ am 2. Februar in der ARD hat einem Millionenpublikum ein Problem nähergebracht, das in der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wurde: Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) haben Mediziner die Krankheit der Seele genannt, die zunehmend bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach Auslandseinsätzen auftritt. Um Hilfsangebote weiter zu verbessern, hat der Deutsche BundeswehrVerband bereits vor einem Jahr einen 17 Punkte umfassenden Forderungskatalog vorgelegt.“[4]

 

Der Verband fordert darin die Einrichtung eines Forschungs- und Kompetenzzentrums  zu PTBS, mehr Ärzte sowie eine anonyme Hotline für betroffene Soldaten. Oft würden Soldaten sich die Krankheit nicht eingestehen, da dies vermeintlich als Schwäche angesehen würde.

Andere Medien sprangen auf den Film und die Pressemitteilung des Bundeswehrverbands auf: Obwohl es zu dem Thema eigentlich nichts Neues gab, wurde es in vielen Medien bis hin zur Tagesschau breit besprochen. „Immer mehr Afghanistan-Heimkehrer traumatisiert“, hieß es in der Überschrift eines Artikels auf tagesschau.de am 3. Februar 2009; der Spiegel schrieb am selben Tag: „Zahl deutscher Soldaten mit Trauma steigt dramatisch“ – neue Zahlen gab es zu diesem Zeitpunkt nicht, das Problem war schon lange vorher bekannt.

Bereits im Januar 2009 – also einen Monat vor Ausstrahlung von „Willkommen zuhause“ – hatte sich der Verteidigungsausschuss des Bundestags mit der steigenden Zahl PTBS-Kranker Bundeswehr-Soldaten beschäftigt und – wenig beachtet von der Öffentlichkeit – einen Antrag dazu formuliert. Die Forderungen entsprachen denen des Bundeswehrverbands. Der von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen erarbeitete Antrag wurde am 12. Februar, also 10 Tage nach Filmausstrahlung, vom Bundestag mit der breiten Mehrheit der Antragsteller abgesegnet. Ein Antrag der Linksfraktion, der zwar ebenfalls die bestmögliche Heilung der PTBS-Kranken vorsah, in dem jedoch vorbeugend auch gefordert wurde, die Soldaten erst gar nicht in Auslandseinsätze zu schicken, um sie so der PTBS-Gefahr gar nicht erst auszuliefern, fand keine Mehrheit. Die Zustimmung zum PTBS-Bundestags-Antrag der vier Parteien fand ein breites Echo in den Medien.

"Willkommen zuhause"-Film

PTBS ist nicht heilbar, da hilft es auch nicht sich die Ohren zuzuhalten - Standbild aus "Willkommen zuhause" | Quelle: SWR

Doch was sollte der „Willkommen zuhause“-Film, wenn der Bundestags-Antrag schon vor Filmausstrahlung verfasst und die Absegnung des Bundestags-Antrags vollkommen sicher war? Und warum unterstütze die Bundeswehr den Film über dieses unangenehme Thema mit dem sie sicher keinen neuen Nachwuchs finden wird?

Posttraumatische Belastungsstörungen sind nicht heilbar. Die Krankheit kann vermindert werden, vollkommen verschwinden wird sie nie – dazu sitzen die Erlebnisse bei den Betroffenen zu tief. Neben dem Versuch, die Krankheit zu mildern, bedarf es daher einer toleranten Öffentlichkeit, die Rücksicht auf die Soldaten nimmt. Die Bevölkerung soll darauf vorbereitet werden, dass mit zunehmenden Auslandseinsätzen auch immer mehr Opfer und verwundete Bundeswehr-Soldaten verbunden sind. Die (psychisch) verletzten Soldaten sollen nicht ausgegrenzt, sondern als Helden behandelt werden. Wie es schon in der Pressemappe zum „Willkommen zuhause“-Film heißt, soll sich die „heimatliche Umgebung […] mit Kriegsfolgen auseinandersetzen“. Zudem wird auf den Einsatz in Afghanistan, zumal auf die politischen Hintergründe, nicht genauer eingegangen. Offen bleibt etwa, warum Ben Winter und sein Freund Opfer des Attentats wurden? Der Film wurde fachlich durch Ärzte des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg unterstützt, zudem erteilte die Armee eine Dreherlaubnis auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn (Köln-Wahn).

Neben den Spielfilmen gibt es auch einige Dokumentationen zu PTBS bei Soldaten. Allein 2008 unterstützte das Presse- und Informationszentrum des Bundeswehr-Sanitätsdienstes etwa eine Produktion des Senders ARTE, die auf Sat.1 ausgestrahlte FocusTV-Dokumentation „Wenn der Krieg nicht aufhört“, die Dokumentation „Krieg im Kopf“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg sowie die Produktion „Schreiende Seelen“ des Bayerischer Rundfunks. Die Bundeswehr weiß, warum sie die Filmprojekte unterstützt: verschweigen lassen sich die kranken Soldaten nicht, daher geht sie in die Offensive und wirbt um Verständnis für ihre kranken Helden.

 

[1] Pressemappe zum Film NACHT VOR AUGEN – www.noirfilm.de.
[2] Löwenstein, Stephan: Klappen vor Augen, in: www.faz.net, 25. Juni 2009 – letzter Zugriff am 19. März 2010.
[3] N. N.: Angriff auf die Seele, in: aktuell – Zeitung für die Bundeswehr Nr. 40/2008.
[4] Stolze, Wilfried: Hilfsangebote bei posttraumatischen-Belastungsstörungen (PTBS) müssen angenommen werden – anonyme Hotline gefordert, Pressemittelung des Deutschen Bundeswehrverbands vom 3. Februar 2009.

Michael Schulze von Glaßer

Kritik am Jugendmedienschutz: „Gewaltdarstellung kann unter Umständen sogar friedensfördernd sein“

Videospiele und Filme in denen Gewalt dargestellt wird, bekommen vom deutschen Jugendmedienschutz oft nur eine Altersfreigabe ab 18 Jahren oder werden sogar ganz verboten. Wenig Probleme haben die Jugendschützer hingegen, wenn etwa „James Bond“ mit der Lizenz zum Töten umherzieht und vermeintliche Terroristen und andere Bösewichte steril zur Strecke bringt. Im Gespräch erklärt Buchautor und Friedensaktivist Peter Bürger – dessen Studien über Militianment mittlerweile zu Standardwerken in der deutschen Fachliteratur gehören – warum der aktuelle Jugendmedienschutz für Filme und Videospiele sein Ziel verfehlt und wagt einen Gegenentwurf.


Militainment.info: In ihrem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis der Deutschen Friedensgesellschaft ausgezeichnet Buch „Kino der Angst“ und auch in der 2007 erschienenen Fortsetzung „Bildermaschine für den Krieg“ gehen Sie mit dem deutschen Jugendmedienschutz hart ins Gericht. Welches Problem sehen Sie in den Altersbeschränkungen oder gar Verboten von Videospielen und Filmen?

Peter Bürger: Das massenkulturelle Gewalterbe, das die neoliberalistische Ära unseren Gesellschaften beschert hat, ist ein erschreckendes Erbe. Es hat die Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Spannung und unsere ästhetische Wahrnehmung tiefgreifend geformt. Aus meiner Sicht dienen Kontrollgremien und staatliche Medienverbote auch dazu, immer noch den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren. Ich bin unbedingt für Altersbeschränkungen bei destruktiven Medienprodukten, auch weil sie den mächtigen Produzenten vielleicht doch Profitverluste einbringen. Auch Verbote lehne ich keineswegs prinzipiell ab. Nazipropaganda und Rassismus haben im Kino nichts verloren. Genauso wenig sollte etwa Werbung für den Verzehr von Menschenfleisch ins Fernsehprogramm. Das liberalistische Paradigma kommt aber über den rein formalen Satz „Alles ist erlaubt“ nicht hinaus, und es erlaubt derzeit vor allem Tabubrüche beim Klassenkampf von oben und hinsichtlich der tradierten Auffassungen von Recht. Das demokratische Anliegen einer freiheitlichen Kultur ist aber auf einem ganz anderen Schauplatz zu verfolgen. Hier geht es um ganz andere Fragen: Die real existierende Massenkultur wird von wenigen Medienmonopolen kontrolliert. Wem dienen die dominanten Formate, Inhalte und Weltbilder? Wo kommen Sichtweisen und Interessen zur Sprache, die einer Mehrheit der Menschen auf dem Globus dienlich sind? Welche Chancen haben entsprechende künstlerische Produktionen, überhaupt im maßgeblichen Mediensortiment berücksichtigt zu werden? Bezogen auf die Ansätze von Alterskontrolle und Medienverboten gibt es meiner Meinung nach folgende Problemkreise:

Erstens: Welche Kriterien werden zugrundelegt? Bei den herrschenden Kriterien kann man problemlos einen Kriegspropagandafilm für Kinder ins Sortiment schleusen. Die wirksamste Propaganda ist ohnehin immer subtil, wird also durch vordergründige Gesichtspunkte gar nicht beeinträchtigt. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich im engen Sinne auf psychologische Wirkungshypothesen zur „Mediengewalt“ bezieht oder den in UN-Charta, Verfassung und Völkerrecht manifestierten Zivilisationskonsens einer Ächtung des Krieges zum Ausgangspunkt nimmt. Welche Gesichtspunkte im letzten Fall hinzutreten müssten, zeige ich im Schlusskapitel meiner Studie „Kino der Angst“. Eine dominante Massenkultur, die das Programm „Krieg und Militär“ bewirbt, ist zivilisationsfeindlich.

Zweitens: Schon rein pragmatisch muss man beim isolierten Kontroll- und Verbotsparadigma fragen, ob es denn überhaupt etwas bewirkt. Ich glaube, dass Verbote im Internetzeitalter nur wenig bis gar nicht funktionieren und sogar die Attraktivität der indizierten Titel steigern können.

Drittens: Damit hängt die Alibifunktion des Kontroll- und Verbotsparadigma zusammen. Man suggeriert, es werde ja etwas getan. In Wirklichkeit kommt es aber nicht zu intelligenten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Strategien wider die Militarisierung der Kultur.

Viertens: Schließlich sind die Akteure beim Kontroll- und Verbotsparadigma Einrichtungen der Anbieterseite – also der Produzenten – und des Staates. Sollten wir da allen Ernstes eine Kritik des kriegssubventionierenden Kulturparadigmas erwarten, die ans Eingemachte geht? Welche staatliche Einrichtung ist bezogen auf die Friedensartikel des Grundgesetzes denn noch verfassungstreu? Eine kritische Bundeszentrale für politische Bildung müsste beim Thema Videospiele die Spielaufgaben „geostrategische Kontrolle“ und Ressourcenaneignung problematisieren und zeigen, dass das entsprechende Imperial-Entertainment ein Spiegelbild der neuen westlichen Militärstrategien ist. Da können wir aber lange warten. Ich traue nicht einmal Friedensinstituten, die in erster Linie von staatlicher Förderung abhängig sind, eine wirklich kritische Forschung zur militarisierten Massenkultur zu.

 

Peter Bürger

Der Publizist und Friedensaktivist Peter Bürger sieht den heutigen Jugendmedienschutz kritisch | Quelle: Michael Schulze von Glaßer

 

Auch „blutige“ Videospiele und Filme stellen den Krieg nicht realistisch dar – man will die Spieler und Zuschauer ja nicht traumatisieren. Sollte man das Thema „Krieg“ daher erst gar nicht in Unterhaltungsmedien behandeln?

Bezogen auf einen vordergründigen „Kriegsrealismus“ bietet die Filmindustrie seit Spielbergs „Saving Private Ryan“ (USA 1998) ja einiges. Aber wir wollen Klartext reden: es gibt keinen „realistischen Kriegsfilm“. Realismus, das hieße in unserem Fall, dass den Kinozuschauern zumindest echte Kugeln um die Ohren fliegen. Oder das Popcorn für die Filmvorstellung müsste radioaktiv sein, so dass die Kinobesucher viel später Wirkungen merken – wie die Opfer der von NATO-Ländern eingesetzten Uranmunition. So etwas geht natürlich nicht. Was im Bereich der Unterhaltungsmedien mit Kriegsthematik „Realismus“ genannt wird, das ist eine künstlerische oder handwerkliche Sache. Mit der Wirklichkeit von Krieg hat das nichts zu tun. Dem Konsumenten wird ein attraktives Erlebnis geboten – besonders bei Videospielen ist ein als „realistisch“ erlebtes virtuelles Geschehen zentral. Fast immer firmiert der „realistische Kriegsfilm“ dann als sogenannter Antikriegsfilm, obwohl beim näheren Hinsehen von Kriegskritik keine Rede sein kann. Das Stilmittel „Realismus“ ist in keiner Weise Garant für ein kriegskritisches Paradigma!

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Die unglaubliche Militarisierung der unterhaltungsindustriellen Produktpalette ist Spiegel – und zugleich Instrument – der herrschenden Welt-Kriegsordnung. Mit moralischen Appellen – was „man sollte“ und was nicht – ist diesem massenkulturellen Rüstungssektor nicht beizukommen. Solange die reichen Täterländer Ungerechtigkeit und Elend auf dem Globus zu ihren Gunsten militärisch aufrechterhalten, werden sie eine dementsprechende Kriegskultur fördern. Für den wirklich kriegskritischen Künstler stellt sich aber die Frage, ob er von den tradierten Topoi, Stereotypen, ästhetischen Konzepten etc. in der Darstellung von Militär und Krieg überhaupt noch irgendetwas gebrauchen kann. Das ganze Ausmaß der menschlichen Leiden, die seelischen Zerstörungen durch Kriegsgewalt, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Militarisierung und die ökonomisch-politische Täterschaft im geheimen Zentrum der Kriegsmaschinerie, all das ist mit herkömmlichen Mitteln des Kriegskinos oder in Spielen nicht zu vermitteln. Die Kunst läge vielleicht darin, kriegskritische Veteranenfilme oder Politthriller zu machen, in denen keine Uniformen und Kriegsgeräte, ja überhaupt keine Kriegsbilder auftauchen.

 

Sie kritisieren den heutigen Jugendmedienschutz – haben Sie also ein Gegenmodell?

Wichtiger als der vordergründige Blick auf Mediengewaltdarstellung ist die Kritik der politischen Drehbücher, die in Ästhetik und Inhalten der militarisierten Massenkultur zum Tragen kommen. Gewaltdarstellung in sich ist nicht das Problem, denn sie kann ein wichtiges Moment von sehr menschlichen und kritischen Kunstwerken sein. Plakativ gesagt: Gewaltdarstellung kann unter bestimmten Umständen friedensfördernd sein. Wenn wir das Schlachtfeld der herausquellenden Menschengedärme verlassen, stoßen wir auf die wunderschöne Bildinszenierung von Atombombenpilzen oder auf gut gemachte Science-Fiction-Filme, durch die vorausschauend die Militärtechnologie der Zukunft in den Köpfen verankert wird. Und dann haben wir noch die herzzerreißenden Werbespielfilme für den „humanitären Krieg“. Da steht nirgends im Vorspann, dass die zivilen Hilfsfonds bestenfalls ein Zehntel des Kriegshaushaltes ausmachen und somit schon die nackten Zahlen das Märchen von menschenfreundlichen Militäreinsätzen als Lüge entlarven. Kurzum, die eigentlichen Propagandakomplexe sind mit dem Focus auf „Mediengewalt“ noch gar nicht thematisiert. Ich versuche mal ein Gegenmodell zum heutigen Jugendmedienschutz in sechs Punkten zu erläutern:

Erstens: Zentral wäre für eine wirksame Gegenstrategie zunächst eine wirklich kritische Erforschung der Produktionsbedingungen und Produkte des militärisch-unterhaltungsindustriellen Komplexes. Dies ist aber von einzelnen Publizisten, Medienforschern etc. nicht umfassend zu leisten – und von öffentlichen Instituten oder einer weithin formalistischen „Medienpädagogik“ nicht zu erwarten.

Zweitens: In meinem Gegenentwurf bringe ich auch die Kategorie Verbraucherschutz ins Spiel. Medienangebote, bei denen Kriegsprofiteure, Militärs und staatliche Stellen mitgewirkt haben, müssten die entsprechenden Kooperationen schon auf der Verpackung sichtbar machen. Konsumenten haben nämlich ein Anrecht, ohne langwierige Recherchen zu erfahren, wer ihnen an Spielkonsole, PC oder Fernsehbildschirm ein bestimmtes Angebot „präsentiert“. Die Kooperationen des Militärs werden oft als Gefälligkeit oder neutrale Dienstleistung kaschiert, wir wissen aber, dass es in Wirklichkeit um zivil-militärische Zusammenarbeit im Rüstungssektor „Kultur“ geht. Nach meiner Erfahrung interessieren sich junge Medienkonsumenten sehr für solche Zusammenhänge.

Drittens: Im Gespräch mit modernen Mediennutzern muss die Friedensbewegung unbedingt vermitteln, dass eine Militarisierung der Kultur immer mit einer Militarisierung der Gesellschaft – also mit autoritären und freiheitsfeindlichen Verhältnissen – einhergeht. Auf diese Weise bekommen wir Friedensbewegte Verbündete in solchen Szenen, die durch Medienverbotsforderungen nur abgeschreckt werden.

Viertens: Da die Friedensbewegten als Pazifisten unverbesserlich der Aufklärung verpflichtet bleiben, bleibt die Gegenaufklärung eine Hauptsäule. Im Medienzeitalter kommen wir z.B. nicht umhin, kritische und friedensförderliche Produktionen besser zugänglich zu machen, denn im kommerziellen Gefüge gehen diese Angebote ja regelmäßig unter. Wir bräuchten also ein gut gemachtes Internetangebot, in dem entsprechende Titel systematisch vorgestellt werden und am besten auch leicht abrufbar sind.

Fünftens: 2010 endete – ohne nennenswertes Echo hierzulande – die UN-Dekade „Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt“. Um was für eine Kultur ging es hier? Selbst wenn wir eine kriegskritische und aufklärende Massenkultur hätten, wäre sie noch nicht berührt, denn auch der Komplex „Antikriegsfilm“ definiert sich in seiner Abgrenzung noch vom Militärischen her. Notwendig wären attraktive Bilder der Begegnung, der zärtlichen Annäherung und der Zusammenarbeit von Menschen. Ich spreche hier bewusst von einer erotischen Kultur, denn Eros ist – abseits von platter Sexualisierung – die spürbare Leidenschaft für das Leben. Eros ist spannend, denn er freut sich am Anderen – statt das Fremde gleichzuschalten. Man stellt sich eine Kultur des Friedens meist so langweilig vor wie eine Himmelsvorstellung, in die Erlösten auf Wolken unentwegt Halleluja singen. Sie müsste aber in Wirklichkeit so lebendig, schön und belebend sein, dass jede Kriegsaction neben ihr nur noch ein bloßes Gähnen hervorruft.

Sechstens: Der konventionelle Friedensaktivist ist nicht unbedingt kompetent, künstlerische Beiträge zu einer so verstandenen Kultur des Friedens zu kreieren. Ohne Künstler und andere sogenannte Kulturschaffende sind wir aufgeschmissen. Viel wäre schon gewonnen, wenn Pazifisten bzw. Antimilitaristen zunächst Kultur und Kulturpolitik überhaupt als zentrale Themen begreifen.

 

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass es oft Politiker aus dem konservativen Spektrum sind, die einerseits gegen so genannte „Ballerspiele“ hetzen, aber andererseits Kriegseinsätze des Militärs befürworten. Können Sie dies näher erläutern?

Von Politikern, die – aktiv oder stillschweigend – an der militärischen Aufrechterhaltung der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Elends auf unserem Planeten mitwirken, sollten wir per se keine förderlichen Vorschläge in Sachen Friedenskultur erwarten. Wenn jemand öffentlichkeitswirksam ein Verbot von sogenannten Killerspielen fordert, dann müssen wir ihm Fragen wie diese stellen: „Und wie hältst du es mit den Medienprodukten, in denen ganz unblutig und sauber Militärsimulationen oder Kriegsstrategien durchgespielt werden? Wie hältst du es mit Kulturkampfbeiträgen, die mental zur Akzeptanz von Kriegen gegen ‚islamische Länder‘ mit reichen Energieressourcen beitragen? Was sagst du zu unterhaltsamer Propaganda, die das Bild des Bundeswehrsoldaten wieder mit Ehre, Heldentum, Opferbereitschaft und sonstiger ‚Größe‘ verbindet?“

Ihre Frage bezieht sich wohl auf Buchpassagen, in denen ich von populistischer Gewaltzensur spreche. Populistische Gewaltzensoren aus der konservativen Ecke regen sich darüber auf, wenn zwei Männer auf Leinwand oder Bildschirm zärtlich ihre Genitalien berühren. Kein Problem ist es hingegen für sie, wenn ein soldatischer Scharfschütze im Film einen anderen Mann sauber abschießt – sofern eine jugendfreie Kameraperspektive eingehalten wird. Kein Problem ist für sie auch der niveauvolle Geheimagentenfilm, in dem der angelsächsische Held außerhalb des Gesetzes steht und seine Aufträge auf allen Kontinenten ganz diskret erfüllt. Solche Politiker wollen keine Ego-Shooter, aber mit Unterhaltungsprodukten, die ein positives Militärimage vermitteln, Interesse an moderner Militärtechnik wecken und der westlichen Militärdoktrin zuarbeiten, haben sie keine Probleme.

Die Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist erschreckend. Wir steuern bei uns auf ähnliche Verhältnisse zu. Wenn etwa ein wertkonservatives CSU-Mitglied das als Problem ansieht, sehe ich als Pazifist eine gute Gesprächsgrundlage. Keinen Beifall sollten wir den selektiven Stammtischparolen gegen die „Ballerei an Bildschirmen“ zollen.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Militarismus propagieren, Blutvergießen verheimlichen

Der US-Journalist David Sirota hat einen sehr lesenswerten Artikel über die Medienstrategie des US-Verteidigungsministeriums veröffentlicht:

 

Ein Teil des Pentagons setzt jedes zugängliche Medieninstrument ein – Twitter, Facebook, Werbespots im TV, Filme etc. – um Amerika zu verkünden, dass dem Militär beizutreten den Soldaten Superkräfte bis zur Unsterblichkeit verleiht, die sie den Kampf sicher überstehen lassen. Gleichzeitig versucht das gleiche Pentagon, die Medien davon abzuhalten, die blutgetränkte Wirklichkeit des Krieges zu dokumentieren.

 

Eine deutsche Übersetzung des Artikels gibt es hier. Der im Artikel angesprochene “X-Men”-Werbespot der US-Army ist hier zu finden. (svg)