Videospiele und Filme in denen Gewalt dargestellt wird, bekommen vom deutschen Jugendmedienschutz oft nur eine Altersfreigabe ab 18 Jahren oder werden sogar ganz verboten. Wenig Probleme haben die Jugendschützer hingegen, wenn etwa „James Bond“ mit der Lizenz zum Töten umherzieht und vermeintliche Terroristen und andere Bösewichte steril zur Strecke bringt. Im Gespräch erklärt Buchautor und Friedensaktivist Peter Bürger – dessen Studien über Militianment mittlerweile zu Standardwerken in der deutschen Fachliteratur gehören – warum der aktuelle Jugendmedienschutz für Filme und Videospiele sein Ziel verfehlt und wagt einen Gegenentwurf.
Militainment.info: In ihrem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis der Deutschen Friedensgesellschaft ausgezeichnet Buch „Kino der Angst“ und auch in der 2007 erschienenen Fortsetzung „Bildermaschine für den Krieg“ gehen Sie mit dem deutschen Jugendmedienschutz hart ins Gericht. Welches Problem sehen Sie in den Altersbeschränkungen oder gar Verboten von Videospielen und Filmen?
Peter Bürger: Das massenkulturelle Gewalterbe, das die neoliberalistische Ära unseren Gesellschaften beschert hat, ist ein erschreckendes Erbe. Es hat die Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Spannung und unsere ästhetische Wahrnehmung tiefgreifend geformt. Aus meiner Sicht dienen Kontrollgremien und staatliche Medienverbote auch dazu, immer noch den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren. Ich bin unbedingt für Altersbeschränkungen bei destruktiven Medienprodukten, auch weil sie den mächtigen Produzenten vielleicht doch Profitverluste einbringen. Auch Verbote lehne ich keineswegs prinzipiell ab. Nazipropaganda und Rassismus haben im Kino nichts verloren. Genauso wenig sollte etwa Werbung für den Verzehr von Menschenfleisch ins Fernsehprogramm. Das liberalistische Paradigma kommt aber über den rein formalen Satz „Alles ist erlaubt“ nicht hinaus, und es erlaubt derzeit vor allem Tabubrüche beim Klassenkampf von oben und hinsichtlich der tradierten Auffassungen von Recht. Das demokratische Anliegen einer freiheitlichen Kultur ist aber auf einem ganz anderen Schauplatz zu verfolgen. Hier geht es um ganz andere Fragen: Die real existierende Massenkultur wird von wenigen Medienmonopolen kontrolliert. Wem dienen die dominanten Formate, Inhalte und Weltbilder? Wo kommen Sichtweisen und Interessen zur Sprache, die einer Mehrheit der Menschen auf dem Globus dienlich sind? Welche Chancen haben entsprechende künstlerische Produktionen, überhaupt im maßgeblichen Mediensortiment berücksichtigt zu werden? Bezogen auf die Ansätze von Alterskontrolle und Medienverboten gibt es meiner Meinung nach folgende Problemkreise:
Erstens: Welche Kriterien werden zugrundelegt? Bei den herrschenden Kriterien kann man problemlos einen Kriegspropagandafilm für Kinder ins Sortiment schleusen. Die wirksamste Propaganda ist ohnehin immer subtil, wird also durch vordergründige Gesichtspunkte gar nicht beeinträchtigt. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich im engen Sinne auf psychologische Wirkungshypothesen zur „Mediengewalt“ bezieht oder den in UN-Charta, Verfassung und Völkerrecht manifestierten Zivilisationskonsens einer Ächtung des Krieges zum Ausgangspunkt nimmt. Welche Gesichtspunkte im letzten Fall hinzutreten müssten, zeige ich im Schlusskapitel meiner Studie „Kino der Angst“. Eine dominante Massenkultur, die das Programm „Krieg und Militär“ bewirbt, ist zivilisationsfeindlich.
Zweitens: Schon rein pragmatisch muss man beim isolierten Kontroll- und Verbotsparadigma fragen, ob es denn überhaupt etwas bewirkt. Ich glaube, dass Verbote im Internetzeitalter nur wenig bis gar nicht funktionieren und sogar die Attraktivität der indizierten Titel steigern können.
Drittens: Damit hängt die Alibifunktion des Kontroll- und Verbotsparadigma zusammen. Man suggeriert, es werde ja etwas getan. In Wirklichkeit kommt es aber nicht zu intelligenten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Strategien wider die Militarisierung der Kultur.
Viertens: Schließlich sind die Akteure beim Kontroll- und Verbotsparadigma Einrichtungen der Anbieterseite – also der Produzenten – und des Staates. Sollten wir da allen Ernstes eine Kritik des kriegssubventionierenden Kulturparadigmas erwarten, die ans Eingemachte geht? Welche staatliche Einrichtung ist bezogen auf die Friedensartikel des Grundgesetzes denn noch verfassungstreu? Eine kritische Bundeszentrale für politische Bildung müsste beim Thema Videospiele die Spielaufgaben „geostrategische Kontrolle“ und Ressourcenaneignung problematisieren und zeigen, dass das entsprechende Imperial-Entertainment ein Spiegelbild der neuen westlichen Militärstrategien ist. Da können wir aber lange warten. Ich traue nicht einmal Friedensinstituten, die in erster Linie von staatlicher Förderung abhängig sind, eine wirklich kritische Forschung zur militarisierten Massenkultur zu.

Der Publizist und Friedensaktivist Peter Bürger sieht den heutigen Jugendmedienschutz kritisch | Quelle: Michael Schulze von Glaßer
Auch „blutige“ Videospiele und Filme stellen den Krieg nicht realistisch dar – man will die Spieler und Zuschauer ja nicht traumatisieren. Sollte man das Thema „Krieg“ daher erst gar nicht in Unterhaltungsmedien behandeln?
Bezogen auf einen vordergründigen „Kriegsrealismus“ bietet die Filmindustrie seit Spielbergs „Saving Private Ryan“ (USA 1998) ja einiges. Aber wir wollen Klartext reden: es gibt keinen „realistischen Kriegsfilm“. Realismus, das hieße in unserem Fall, dass den Kinozuschauern zumindest echte Kugeln um die Ohren fliegen. Oder das Popcorn für die Filmvorstellung müsste radioaktiv sein, so dass die Kinobesucher viel später Wirkungen merken – wie die Opfer der von NATO-Ländern eingesetzten Uranmunition. So etwas geht natürlich nicht. Was im Bereich der Unterhaltungsmedien mit Kriegsthematik „Realismus“ genannt wird, das ist eine künstlerische oder handwerkliche Sache. Mit der Wirklichkeit von Krieg hat das nichts zu tun. Dem Konsumenten wird ein attraktives Erlebnis geboten – besonders bei Videospielen ist ein als „realistisch“ erlebtes virtuelles Geschehen zentral. Fast immer firmiert der „realistische Kriegsfilm“ dann als sogenannter Antikriegsfilm, obwohl beim näheren Hinsehen von Kriegskritik keine Rede sein kann. Das Stilmittel „Realismus“ ist in keiner Weise Garant für ein kriegskritisches Paradigma!
Doch zurück zur eigentlichen Frage: Die unglaubliche Militarisierung der unterhaltungsindustriellen Produktpalette ist Spiegel – und zugleich Instrument – der herrschenden Welt-Kriegsordnung. Mit moralischen Appellen – was „man sollte“ und was nicht – ist diesem massenkulturellen Rüstungssektor nicht beizukommen. Solange die reichen Täterländer Ungerechtigkeit und Elend auf dem Globus zu ihren Gunsten militärisch aufrechterhalten, werden sie eine dementsprechende Kriegskultur fördern. Für den wirklich kriegskritischen Künstler stellt sich aber die Frage, ob er von den tradierten Topoi, Stereotypen, ästhetischen Konzepten etc. in der Darstellung von Militär und Krieg überhaupt noch irgendetwas gebrauchen kann. Das ganze Ausmaß der menschlichen Leiden, die seelischen Zerstörungen durch Kriegsgewalt, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Militarisierung und die ökonomisch-politische Täterschaft im geheimen Zentrum der Kriegsmaschinerie, all das ist mit herkömmlichen Mitteln des Kriegskinos oder in Spielen nicht zu vermitteln. Die Kunst läge vielleicht darin, kriegskritische Veteranenfilme oder Politthriller zu machen, in denen keine Uniformen und Kriegsgeräte, ja überhaupt keine Kriegsbilder auftauchen.
Sie kritisieren den heutigen Jugendmedienschutz – haben Sie also ein Gegenmodell?
Wichtiger als der vordergründige Blick auf Mediengewaltdarstellung ist die Kritik der politischen Drehbücher, die in Ästhetik und Inhalten der militarisierten Massenkultur zum Tragen kommen. Gewaltdarstellung in sich ist nicht das Problem, denn sie kann ein wichtiges Moment von sehr menschlichen und kritischen Kunstwerken sein. Plakativ gesagt: Gewaltdarstellung kann unter bestimmten Umständen friedensfördernd sein. Wenn wir das Schlachtfeld der herausquellenden Menschengedärme verlassen, stoßen wir auf die wunderschöne Bildinszenierung von Atombombenpilzen oder auf gut gemachte Science-Fiction-Filme, durch die vorausschauend die Militärtechnologie der Zukunft in den Köpfen verankert wird. Und dann haben wir noch die herzzerreißenden Werbespielfilme für den „humanitären Krieg“. Da steht nirgends im Vorspann, dass die zivilen Hilfsfonds bestenfalls ein Zehntel des Kriegshaushaltes ausmachen und somit schon die nackten Zahlen das Märchen von menschenfreundlichen Militäreinsätzen als Lüge entlarven. Kurzum, die eigentlichen Propagandakomplexe sind mit dem Focus auf „Mediengewalt“ noch gar nicht thematisiert. Ich versuche mal ein Gegenmodell zum heutigen Jugendmedienschutz in sechs Punkten zu erläutern:
Erstens: Zentral wäre für eine wirksame Gegenstrategie zunächst eine wirklich kritische Erforschung der Produktionsbedingungen und Produkte des militärisch-unterhaltungsindustriellen Komplexes. Dies ist aber von einzelnen Publizisten, Medienforschern etc. nicht umfassend zu leisten – und von öffentlichen Instituten oder einer weithin formalistischen „Medienpädagogik“ nicht zu erwarten.
Zweitens: In meinem Gegenentwurf bringe ich auch die Kategorie Verbraucherschutz ins Spiel. Medienangebote, bei denen Kriegsprofiteure, Militärs und staatliche Stellen mitgewirkt haben, müssten die entsprechenden Kooperationen schon auf der Verpackung sichtbar machen. Konsumenten haben nämlich ein Anrecht, ohne langwierige Recherchen zu erfahren, wer ihnen an Spielkonsole, PC oder Fernsehbildschirm ein bestimmtes Angebot „präsentiert“. Die Kooperationen des Militärs werden oft als Gefälligkeit oder neutrale Dienstleistung kaschiert, wir wissen aber, dass es in Wirklichkeit um zivil-militärische Zusammenarbeit im Rüstungssektor „Kultur“ geht. Nach meiner Erfahrung interessieren sich junge Medienkonsumenten sehr für solche Zusammenhänge.
Drittens: Im Gespräch mit modernen Mediennutzern muss die Friedensbewegung unbedingt vermitteln, dass eine Militarisierung der Kultur immer mit einer Militarisierung der Gesellschaft – also mit autoritären und freiheitsfeindlichen Verhältnissen – einhergeht. Auf diese Weise bekommen wir Friedensbewegte Verbündete in solchen Szenen, die durch Medienverbotsforderungen nur abgeschreckt werden.
Viertens: Da die Friedensbewegten als Pazifisten unverbesserlich der Aufklärung verpflichtet bleiben, bleibt die Gegenaufklärung eine Hauptsäule. Im Medienzeitalter kommen wir z.B. nicht umhin, kritische und friedensförderliche Produktionen besser zugänglich zu machen, denn im kommerziellen Gefüge gehen diese Angebote ja regelmäßig unter. Wir bräuchten also ein gut gemachtes Internetangebot, in dem entsprechende Titel systematisch vorgestellt werden und am besten auch leicht abrufbar sind.
Fünftens: 2010 endete – ohne nennenswertes Echo hierzulande – die UN-Dekade „Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt“. Um was für eine Kultur ging es hier? Selbst wenn wir eine kriegskritische und aufklärende Massenkultur hätten, wäre sie noch nicht berührt, denn auch der Komplex „Antikriegsfilm“ definiert sich in seiner Abgrenzung noch vom Militärischen her. Notwendig wären attraktive Bilder der Begegnung, der zärtlichen Annäherung und der Zusammenarbeit von Menschen. Ich spreche hier bewusst von einer erotischen Kultur, denn Eros ist – abseits von platter Sexualisierung – die spürbare Leidenschaft für das Leben. Eros ist spannend, denn er freut sich am Anderen – statt das Fremde gleichzuschalten. Man stellt sich eine Kultur des Friedens meist so langweilig vor wie eine Himmelsvorstellung, in die Erlösten auf Wolken unentwegt Halleluja singen. Sie müsste aber in Wirklichkeit so lebendig, schön und belebend sein, dass jede Kriegsaction neben ihr nur noch ein bloßes Gähnen hervorruft.
Sechstens: Der konventionelle Friedensaktivist ist nicht unbedingt kompetent, künstlerische Beiträge zu einer so verstandenen Kultur des Friedens zu kreieren. Ohne Künstler und andere sogenannte Kulturschaffende sind wir aufgeschmissen. Viel wäre schon gewonnen, wenn Pazifisten bzw. Antimilitaristen zunächst Kultur und Kulturpolitik überhaupt als zentrale Themen begreifen.
In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass es oft Politiker aus dem konservativen Spektrum sind, die einerseits gegen so genannte „Ballerspiele“ hetzen, aber andererseits Kriegseinsätze des Militärs befürworten. Können Sie dies näher erläutern?
Von Politikern, die – aktiv oder stillschweigend – an der militärischen Aufrechterhaltung der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Elends auf unserem Planeten mitwirken, sollten wir per se keine förderlichen Vorschläge in Sachen Friedenskultur erwarten. Wenn jemand öffentlichkeitswirksam ein Verbot von sogenannten Killerspielen fordert, dann müssen wir ihm Fragen wie diese stellen: „Und wie hältst du es mit den Medienprodukten, in denen ganz unblutig und sauber Militärsimulationen oder Kriegsstrategien durchgespielt werden? Wie hältst du es mit Kulturkampfbeiträgen, die mental zur Akzeptanz von Kriegen gegen ‚islamische Länder‘ mit reichen Energieressourcen beitragen? Was sagst du zu unterhaltsamer Propaganda, die das Bild des Bundeswehrsoldaten wieder mit Ehre, Heldentum, Opferbereitschaft und sonstiger ‚Größe‘ verbindet?“
Ihre Frage bezieht sich wohl auf Buchpassagen, in denen ich von populistischer Gewaltzensur spreche. Populistische Gewaltzensoren aus der konservativen Ecke regen sich darüber auf, wenn zwei Männer auf Leinwand oder Bildschirm zärtlich ihre Genitalien berühren. Kein Problem ist es hingegen für sie, wenn ein soldatischer Scharfschütze im Film einen anderen Mann sauber abschießt – sofern eine jugendfreie Kameraperspektive eingehalten wird. Kein Problem ist für sie auch der niveauvolle Geheimagentenfilm, in dem der angelsächsische Held außerhalb des Gesetzes steht und seine Aufträge auf allen Kontinenten ganz diskret erfüllt. Solche Politiker wollen keine Ego-Shooter, aber mit Unterhaltungsprodukten, die ein positives Militärimage vermitteln, Interesse an moderner Militärtechnik wecken und der westlichen Militärdoktrin zuarbeiten, haben sie keine Probleme.
Die Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist erschreckend. Wir steuern bei uns auf ähnliche Verhältnisse zu. Wenn etwa ein wertkonservatives CSU-Mitglied das als Problem ansieht, sehe ich als Pazifist eine gute Gesprächsgrundlage. Keinen Beifall sollten wir den selektiven Stammtischparolen gegen die „Ballerei an Bildschirmen“ zollen.
Interview: Michael Schulze von Glaßer