Der Iran im virtuellen Visier

Im Jahr 2014 steht die US-Armee vor Teheran – zumindest im Ende Oktober erschienenen Videospiel „Battlefield 3“.

31. Oktober 2014 in der Wüste vor der iranischen Hauptstadt Teheran: M1 Abrams-Panzer der US-Marines preschen durch die karge Landschaft und ziehen lange Staubwolken hinter sich her. Über den Köpfen der aus ihren Panzern lukenden Soldaten schnellen Kampfflugzeuge hinweg. Militärhubschrauber fliegen eilig vorbei. Dunkle Rauchwolken steigen am Horizont empor. Eine Meldung kommt über den Funk: „Aufklärer berichten: feindliche Panzer voraus.“ Artillerie-Raketen fliegen über die Panzer hinweg. Die Soldaten machen sich bereit für dich Schlacht. Es zischt kurz – eine Granate explodiert direkt vor einem der US-Kampfpanzer. Diese nehmen nun anrückende Feind-Panzer ins Visier: „Feuer!“ Die Granaten ziehen einen Flammenschweif hinter sich her und explodieren. Nach kurzer Zeit ist das Gefecht beendet: „Boooom. Ziel zerstört“, jubelt ein Soldat.

Standbild aus dem "Thunder Run"-Trailer von "Battlefield 3" | Quelle: DICE/Electronic Arts

Die nahezu fotorealistische Schlachtfeld-Szene stammt aus dem Ende Oktober veröffentlichten Videospiel „Battlefield 3“ – allein in der ersten Verkaufswoche gingen fünf Millionen Exemplare des Spiels über die Ladentheken.

In Battlefield 3 kämpft der Spieler in der Rolle eines US-Soldaten im Iran. Das brisante Konflikt-Szenario haben die Entwickler des schwedischen „Digital Illusions“-Studios dabei bewusst gewählt: „Wir wollten das Spiel so schlüssig wie möglich wirken lassen, denn wenn die Spieler aufhören, daran zu glauben, dass das alles wirklich so und nicht anders passieren könnte, hat man nur noch einen ganz normalen Shooter von der Stange“, erklärt David Goldfarb ,Lead Designer und Lead Writer von „Battlefield 3“, in einem Entwickler-Tagebuch. Man erzähle in dem First-Person-Shooter die Geschichte eines verworrenen Krieges: „Es muss sich real anfühlen, es soll Emotionen hervorrufen“, beschreibt Goldfarb das Entwicklungsziel. Aber dürfen reale Konflikte wie der zwischen den USA und dem Iran überhaupt in Videospielen aufgegriffen werden?

Martin Lorber vom „Battlefield 3“-Publisher „Electronic Arts“ rudert zurück: „Es werden in dem Spiel keinerlei politischen Aussagen getroffen“, behauptet der PR-Director. Es handele sich in dem Spiel um ein rein fiktives Szenario welches im Übrigen neben Teheran auch an anderen Orten wie New York und Paris spiele.

Der Kasseler Politikwissenschaftler Dr. Peter Strutynski sieht im Szenario von „Battlefield 3“ ebenfalls Fiktion. Auch wenn zwischen Washington und Teheran momentan diplomatische Eiszeit herrsche, hätten die USA mit der Wirtschaftskrise genügend andere Probleme. Zudem mangele es an Zustimmung für eine militärische Intervention im Iran. Kriege würden zudem vor allem aus der Luft geführt, große Panzerschlachten wie im „Battlefield 3“-Trailer gebe es nicht mehr – schon gar nicht im Jahr 2014. Im Gegensatz zu Martin Lorber sieht Strutynski im Szenario des Videospiels aber durchaus „eine Art psychologischer Kriegsvorbereitung“ und damit eine politische Aussage. Das Videospiel mache aus einem fiktiven Krieg der auf einem realen politischen Konflikt basiere einen interessanten und spannenden Zeitvertreib für die Spieler. Der Politikwissenschaftler hält das Spiel daher für einen „gefährlichen Sprengsatz“.

Dem pflichtet Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, bei: „Wir beobachten seit Jahren das Phänomen, dass in Games wie in Spielfilmen die Feindbilder mit der Zeit gehen.“ Die durch die Medien verbreiteten Feindbilder würden in den meisten Fällen der großen Politik folgen. Und tatsächlich griffen in den letzten Jahren viele Spiele politisch brisante Szenarien auf: so thematisierte das 2009 erschienen Videospiel „Operation Flashpoint: Dragon rising“ den auch in der Realität gegebenen Rohstoffhunger Chinas. In dem Taktik-Shooter-Videospiel führt dies zu einem Krieg mit den USA. Dabei darf nicht vergessen werden, dass heutige Videospiele fast ausschließlich von westlichen Firmen für den westlichen Markt entwickelt werden – die in den Spielen vermittelten Geschichten werden also nahezu immer nur aus westlicher Sicht erzählt. Sabine Schiffer merkt aber an, dass es wenig Sinn mache Videospiele alleine in den Fokus der Kritik zu stellen. Damit Feindbilder bei den Mediennutzern Wirkung erzeugen und die politischen Ansichten verändern, müssten sie in zahlreichen Medien weitreichend verbreitet werden.

Letzlich geht es nur darum mit dem Spiel so viel Geld wie möglich einzunehmen - Battlefield 3-Werbestand auf der "Gamescom 2011" | Quelle: Michael Schulze von Glaßer

Die Geschichte von „Battlefield 3“ basiert auf dem realen politischen Konflikt um den Iran und führt ihn in einem fiktiven Krieg mit den USA im Jahr 2014  fort. Ein spannendes Szenario, dass aber vor allem dafür geschaffen wurde um die Kassen klingeln zu lassen: der US-Publisher Electronic Arts fährt mit dem Spiel einen Frontalangriff auf den bisherigen Platzhirsch im Genre der First-Person-Shooter – das US-Unternehmen „Activision“. Dessen neues Shooter-Spiel „Call of Duty: Modern Warfare 3“ erschien gestern und damit nicht mal zwei Wochen nach „Battlefield 3“. In „Modern Warfare 3“ provozieren russische Terroristen einen Dritten Weltkrieg zwischen Russland und den NATO-Staaten – auch Berlin wird in dem Spiel zum virtuellen Schlachtfeld. Ob es aber legitim ist für hohe Verkaufszahlen und Marktanteile politische Feindbilder zu schüren, ist doch sehr zweifelhaft.

 Michael Schulze von Glaßer

Ein ähnlicher Artikel von mir erschien zuerst am 29. Oktober in der Tageszeitung “NeuesDeutschland”.

0 Responses to “Der Iran im virtuellen Visier”


  • No Comments

Leave a Reply

What is 10 + 3 ?
Please leave these two fields as-is:
IMPORTANT! To be able to proceed, you need to solve the following simple math (so we know that you are a human) :-)